https://www.faz.net/-gum-11x0r

Michael Pollan : „Unsere Esskultur beruht auf Missbrauch“

  • Aktualisiert am

Michael Pollan: „Die Nahrungsmittelblase wird platzen” Bild:

Zahle mehr, iss weniger. Koche und, wenn es dir möglich ist, lege einen Garten an. Der amerikanische Food-Philosoph Michael Pollan will Verbraucher dazu bringen, sich mehr Gedanken über ihr täglich Brot zu machen.

          5 Min.

          Der amerikanische Journalist Michael Pollan schrieb zunächst über das Gärtnern und Architektur, bevor er sich seinem Hauptthema, dem Essen, zuwandte. 2001 erschien sein Buch „The Botany of Desire“ (Botanik der Begierde, Claassen), 2006 etablierte er sich mit dem Werk „The Omnivore's Dilemma“, auf dem auch der auf der Berlinale erstmals in Europa gezeigte Film „Food, Inc.“ basiert. Darin fordert er ein radikales Nachdenken über Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie. Im Interview erklärt Pollan, warum er die ökologische Landwirtschaft für „extrem effizient“ hält.

          Herr Pollan, Sie treten dafür ein, dass wir unsere Essgewohnheiten grundsätzlich überdenken. Was läuft aus Ihrer Sicht falsch?

          Ich fordere kein „Überdenken“, sondern dass die Leute überhaupt anfangen nachzudenken. Das größte Problem ist, dass wir essen, ohne uns Gedanken darüber zu machen. Jedesmal, wenn wir essen, gehen wir eine Wechselbeziehung mit einer anderen Spezies ein, einem Stück Land, einer Kultur. Die ganze Fastfood-Kultur versucht uns zu vermitteln, Essen sei lediglich Treibstoff. Ich glaube, dass man bessere Entscheidungen trifft, wenn man sich die Mühe macht, ein wenig mehr über das, was man isst, in Erfahrung zu bringen.

          In Ihren Büchern und dem Film „Food Inc.“ zeigen Sie, dass es ziemlich erschreckende Folgen haben könnte, wenn wir bei unseren gegenwärtigen Essgewohnheiten bleiben.

          Ich glaube nicht, dass das überhaupt möglich ist, weil unsere gegenwärtige Esskultur auf so viel Leid beruht, so viel Missbrauch der Erde und der Menschen, die unsere Nahrung erzeugen, dass sie einfach nicht nachhaltig ist. Und wenn wir etwas als nicht nachhaltig bezeichnen, dann heißt das, dass es selbst die Bedingungen zerstört, auf denen es beruht - und daher zusammenbrechen wird. Ich denke, wir sehen bereits Anzeichen dafür, dass das Nahrungsmittelsystem allmählich kollabiert. Nehmen Sie etwa die zunehmende Resistenz gegenüber Antibiotika, die sich auf unsere Art der Massenhaltung von Schweinen zurückführen lässt. Oder das Bienensterben, bei dem niemand so richtig den Grund kennt. Es wird eine Wende geben, und sie wird entweder durch eine Krise herbeigeführt werden oder durch unseren Willen, etwas zu verändern, weil eine neue Art des Essens viel vergnüglicher ist. Ich hoffe, dass das Vergnügen vor der Krise kommt.

          Wird die „Nahrungsmittelblase“ sonst platzen, wie es gerade in der Finanzwelt geschehen ist?

          In gewisser Weise beruht die Nahrungsmittelblase auf billiger Energie, billigem Öl, denn wir erzeugen unser Essen eigentlich, indem wir Öl ins Land pumpen, und wir haben letztes Jahr gemerkt, wie die Nahrungsmittelpreise in die Höhe geschossen sind, weil der Ölpreis stieg. Überall auf der Welt haben Menschen gehungert und hungern immer noch. Meine Botschaft an die politische Führung der Vereinigten Staaten und anderer Länder lautet: Wenn sie tatsächlich das Thema Klimaveränderung anpacken wollen und die Krise im Gesundheitswesen, dann müssen sie sich mit dem Nahrungsmittelsystem beschäftigen, denn diese Frage steht hinter all diesen anderen Problemen.

          Aber ist denn die Situation in Amerika überhaupt vergleichbar mit der in Europa?

          Ja, immer mehr, obwohl die Industrialisierung der Lebensmittel in Europa noch nicht ganz so weit fortgeschritten ist, die Verbindungen zum Ursprung noch etwas präsenter sind. In Amerika sind die meisten Menschen noch nie auf einer Farm gewesen. Außerdem gibt es in Europa stärker ausgeprägte Esskulturen, während wir in Amerika unsere Esskultur mit jeder Generation verändern, einfach mitgerissen werden von Marketing und Werbung.

          Mais spielt eine sehr bedeutende, aber keine positive Rolle in Ihren Büchern und dem Film - worin besteht Ihr Problem mit Mais?

          Ich habe nicht das geringste Problem mit Mais als Nahrungsmittel, ich liebe zum Beispiel Polenta. Ich wende mich aber gegen die riesigen Monokulturen von Industriemais, der kein Nahrungsmittel ist, sondern nur Rohstoff für die Lebensmittelindustrie. Der wird zu Glucose-Fructose-Sirup verarbeitet und all den seltsamen Inhaltsstoffen, die auf den Verpackungen auftauchen. Ich habe gegen gar kein Nahrungsmittel Einwände, solange es in vernünftigen Mengen angebaut und verzehrt wird. Aber Mais wird in derart kolossalen Ausmaßen angebaut, dass er zusammen mit Sojabohnen praktisch alle anderen Pflanzen aus der Landschaft Amerikas verdrängt hat. Zu viel von egal was ist aber schlecht, weil wir Allesfresser sind. Wir brauchen von Natur aus fünfzig bis hundert verschiedene chemische Stoffe, die alle in der Natur vorhanden sind - aber eben nicht in einer einzigen Pflanze wie dem Mais.

          Weitere Themen

          Was die EU-Agrarreform bedeutet

          Europas Landwirtschaft : Was die EU-Agrarreform bedeutet

          Nach zwei Jahren Verhandlung steht fest: Eine grundlegende Neuausrichtung der EU-Agrarpolitik wird es vorerst nicht geben – auch wenn Ministerin Klöckner den Kompromiss als „Systemwechsel“ verkauft. Doch damit war von Anfang an nicht zu rechnen.

          Hell, licht und leicht

          Architektur im Museum : Hell, licht und leicht

          Wenn der Anbau dem Altbau fast den Rang abläuft: Lichtdurchflutete Innenräume, als Material dominieren feinstgeschliffener Sichtbeton und Eschenholz. Das Jüdische Museum hat eine neue Adresse.

          Topmeldungen

          Trump beim Spatenstich mit Foxconn-Vertretern

          Foxconn-Fabrik in Wisconsin : Trump und sein „achtes Weltwunder“

          Amerikas Präsident inszeniert sich gerne als Retter der Industrie. Ein einstiges Vorzeigeprojekt mit Foxconn im Rostgürtel droht nun aber zu scheitern. Auf Trumps Wirtschaftspolitik wirft das ein wenig schmeichelhaftes Licht.
          Passanten mit Mund- und Nasenschutz in Berlins Tauentzienstraße

          Auf Cluster schauen : Zeit für einen Strategiewechsel gegen Corona?

          Viele Gesundheitsämter sind immer noch darauf konzentriert, Einzelkontakte nachzuverfolgen. Die Verbandschefin der Ärzte im Öffentlichen Dienst will einen anderen Weg gehen und Infektionscluster in den Blick nehmen.
          Wieder kein Sieg: Kölns Dimitris Limnios kann es nicht fassen.

          1:1 in Stuttgart : Kölner Sieglos-Serie hält

          Der 1. FC Köln gewinnt schon wieder nicht. Beim starken Aufsteiger VfB Stuttgart zeigt das Team von Trainer Markus Gisdol aber immerhin Moral. Nach einem Blitztor der Gastgeber hilft ein Elfmeterpfiff.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.