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Medizinermangel : Werben bis der Arzt kommt

Hat sich „auf den ersten Blick in diesen Ort verliebt”: Peter Laub, Allgemeinmediziner aus Ungarn, praktiziert im sächsischen Städtchen Waldheim Bild: Christoph Busse

Ohne ausländische Ärzte geht im Osten Deutschlands seit Jahren nichts mehr. Deshalb gehen Sachsen, Thüringen und Co. auf Werbetour nach Österreich, Ungarn oder Polen. Für die Bundesärztekammer ist der Ersatz jedoch keine dauerhafte Lösung.

          Wenn es die Fernsehserie „Der Landarzt“ nicht gäbe, müsste sie für diesen Ort erfunden werden. Das Städtchen Waldheim ist Provinz im besten Sinne, idyllisch am Flüsschen Zschopau gelegen, und das einzig Zentrale ist seine Lage mitten zwischen Chemnitz, Dresden und Leipzig. Die Häuser um den Marktplatz strahlen frisch saniert, das Rathaus samt seinem Turm leuchtet in der Sonne, und schräg über die Straße blitzt an einem zweistöckigen Haus ein Messingschild: „Dr. med. Peter Laub, Facharzt für Allgemeinmedizin“.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          „Ich habe mich auf den ersten Blick in diesen Ort verliebt“, sagt der Beschilderte. Vor einem Jahr übernahm Laub, gerade vierzig Jahre alt, die Praxis am Waldheimer Niedermarkt, was an sich nichts Ungewöhnliches wäre, wenn Laub nicht aus Ungarn käme. Das ist an seinem Akzent zu hören und an den ungarischen Fachbüchern zu sehen, die auf seinem Schreibtisch stehen. Praktiziert wird freilich ausschließlich auf Deutsch. „Ich werde mit jedem Tag besser“, sagt er stolz. Laub ist ein untersetzter, lebenslustiger Mann, der seiner Arbeit in Jeans und blauem Hemd nachgeht. Kittel mag er gar nicht, lediglich das um den Hals gelegte Stethoskop macht deutlich, wer hier der Arzt ist.

          Die Bürokratie ist in Ungarn viel schlimmer

          Sein Name stammt aus dem Schwäbischen, doch er ist seit 300 Jahren der Erste aus der Familie, der in Deutschland lebt. Geplant war das so freilich nicht. Laub wuchs in Budapest auf, studierte dort Medizin, arbeitete an der Uniklinik, als Kinderarzt und sechs Jahre lang in der eigenen Praxis. Doch die Großstadt wurde ihm zu viel, es war laut, hektisch, stressig - hinzu kam der Wahnsinn des ungarischen Gesundheitssystems. „Die Bürokratie ist schlimmer als hier, man bekommt keinerlei Hilfe, zahlt aber sofort Strafe, wenn man das Budget überzieht.“ In der Schule hatte Laub Deutsch und Englisch gelernt, und eigentlich wollte er einem Kollegen nach Großbritannien folgen, als ihn eine Vermittlungsagentur zu einer Rundreise nach Bayern, Thüringen und Sachsen einlud.

          Nur Laubs Akzent und einige Mitbringsel unter seinen Utensilien erinnern an seine Herkunft

          Sie schauten sich Praxen an, die dringend Nachfolger suchten, und als Laub und seine Frau nach Waldheim kamen, wussten sie schnell, dass sie bleiben wollten. Das war im Oktober 2008. „Wir haben uns sofort dafür entschieden.“ Seine Vorgängerin hatte da schon jahrelang vergeblich einen Nachfolger gesucht und die Praxis trotz Alter und gesundheitlicher Probleme weiterbetrieben. Ein halbes Jahr dauerte es, bis Laub alle Genehmigungen und seine Approbation für Deutschland hatte. Am 30. März 2009 zog er mit seiner Frau und den drei Kindern von Budapest nach Waldheim; am nächsten Tag gab es eine große Eröffnungsfeier, zu der Patienten, der Bürgermeister, Ärztekollegen und sogar die Direktoren der umliegenden Krankenhäuser kamen.

          Der junge Doktor macht den Einwohnern Hoffnung

          „Wir waren alle heilfroh, dass es weitergeht“, sagt Elke Poch, die schon bei Laubs Vorgängerin als Arzthelferin arbeitete und sich beinahe arbeitslos wähnte. „Jedes Jahr schließen ringsherum Praxen.“ Viele Ärzte gehen in Pension, andere in den Westen oder ins Ausland, vor allem in die Schweiz, das vermeintliche Ärzteparadies. Den Nachwuchs wiederum zieht es vor allem in die Kliniken der Großstädte oder in die Pharmaindustrie, aber nur noch selten aufs Land. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) zählt die Region um Waldheim bereits zu den 15 von ärztlicher Unterversorgung besonders betroffenen Regionen Ostdeutschlands. Dabei ist die Stadt mit vier Ärzten für die knapp 9.000 Einwohner noch relativ gut dran, in den Nachbarorten Hartha und Roßwein sind für je 8.000 Einwohner nur noch drei beziehungsweise zwei Allgemeinmediziner da; im Landkreis fehlen bereits zwölf Hausärzte, um die Grundversorgung zu gewährleisten.

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