https://www.faz.net/-gum-yvh9

Medizinermangel : Werben bis der Arzt kommt

„Da fällt natürlich die Sprachbarriere weg“, erklärt Edgar Strauch, der medizinische Geschäftsführer der Klinik, warum sein Haus vor allem Österreicher einstellt - auch wenn das längst nicht ausreiche. Seit drei Jahren sei der Ärztemangel in der Region akut zu spüren. „Im ambulanten Bereich ist es eine Katastrophe, aber auch in den Kliniken ist die Bewerberlage nicht üppig.“ Sein Personal muss sich Strauch deshalb immer häufiger über Privat-Agenturen sichern, die in Osteuropa Ausschau halten.

Die Mediziner-Organisationen sehen das allerdings nicht gern. „Es ist schwierig, Ärzte aus Osteuropa zu holen, wo ebenfalls Ärztemangel herrscht“, sagt Rene Schubert von der Krankenhausgesellschaft Sachsen. „Wir kooperieren deshalb nur mit Österreich, weil das für beide Seiten vorteilhaft ist.“ Auch die Bundesärztekammer sieht den Medizineransturm aus dem Osten skeptisch. „In vielen Krankenhäusern müssten Abteilungen geschlossen werden, wenn es diese Kollegen nicht gäbe“, sagt Sprecher Samir Rabatta. Aber das sei keine dauerhafte Lösung. „Der Ärzteimport reicht nicht, um die größer werdende Lücke in ganz Deutschland zu füllen.“

Nach endloser Suche die Praxis verschenkt

Wie ernst die Lage hierzulande ist, weiß Jürgen Hübsch. Er berät von Plauen im Vogtland aus Arztpraxen und Kliniken in Franken, Thüringen und Sachsen und bekommt zunehmend Aufträge, Personal zu finden. Das aber gelingt ihm fast nur noch in Osteuropa. „Haus-, Haut- und Augenärzte werden händeringend gesucht, sind aber in Deutschland kaum zu kriegen.“ Der Stellenmarkt im Ärzteblatt sei schon heute so dick wie ein Telefonbuch. Selbst Inhaber gutgehender Praxen - auch im Westen - suchten jahrelang vergeblich Nachfolger. „In Franken ist es schon fast so schlimm wie in Thüringen und Sachsen.“ Fünf Praxen kämen dort auf einen Interessenten, im Osten seien es zehn. Neulich habe ein Arzt in Oberfranken nach vier Jahren vergeblicher Suche seine Praxis mit 220.000 Euro Jahresgewinn an einen Interessenten verschenkt, um sie nicht auch noch ausräumen zu müssen.

Schon heute fehlten in Deutschland 3600 niedergelassene Ärzte, davon allein 1400 im Osten, ermittelte die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). Doch auch im Westen droht Ungemach. Denn die 129.000 niedergelassenen Mediziner in Deutschland sind im Durchschnitt 53 Jahre alt; in den nächsten fünf Jahren gehen 34.000 von ihnen in Pension, bis 2020 werden es 65.000 sein. „Die Lücke ist mit den 7.000 Absolventen pro Jahr nicht zu schließen, auch weil vierzig Prozent in andere Berufe abwandern und viele lieber in Kliniken als in der eigenen Praxis arbeiten wollen“, sagt KBV-Sprecher Roland Stahl. Die Beschäftigung von Kollegen aus dem Ausland hält er allenfalls für eine Übergangslösung. „Die Erfahrung zeigt, dass viele nach einigen Jahren Deutschland wieder verlassen.“

Matthias Kouba aber ist sich bereits sicher, dass er in Chemnitz bleiben wird. „Ich kann hier sehr gut leben, und das sag' ich als Wiener.“ Auch zwei Freunde aus Österreich hat er bereits überzeugt; im März war er selbst mit auf Ärzte-Werbetour in seinem Heimatland. Und Peter Laub ist schon nach einem Jahr Vorbild für wechselbereite Landsleute. Am Donnerstag schauten sich zwei seiner Budapester Studienfreundinnen mehrere Praxen in der Umgebung an. „Die Gegend gefällt uns sehr, wir wollen noch in diesem Jahr nach Deutschland“, sagt eine der beiden. Ob sie allerdings nach Sachsen kommen, wissen sie noch nicht. „Morgen gucken wir uns in Bayern um“, erzählt ihre Kollegin. Das Buhlen um die Ost-Ärzte hat gerade erst begonnen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Wird er der nächste Tory-Vorsitzende? Boris Johnson bei einem Fototermin in einer Baumschule

Wahl zum Tory-Parteichef : „Boris gewinnt ja sowieso“

Die 160.000 Mitglieder der Konservativen Partei wählen gerade den nächsten britischen Premierminister. Sie sind alt, melancholisch und ein bisschen rebellisch – und sehnen sich nach der guten alten Zeit.
Von ihren Soldaten hat sie sich verabschiedet. Was folgt für Ursula von der Leyen (CDU)?

FAZ Plus Artikel: Ursula von der Leyen : Wenn Weber es kann

Ursula von der Leyens Rücktritt ist ein geschickter Zug. Doch wird es für sie reichen? Die SPD erweist sich weiter als führungs- und orientierungslos.
Roger Federer nach seiner Niederlage am Sonntag in Wimbledon

Tennis-Ikone : Wie Roger Federer zum erfolgreichen Unternehmer wurde

Roger Federer zählt zu den Spitzenverdienern in der Welt. Daran ändert auch die Niederlage in Wimbledon nichts: Denn so erfolgreich wie auf dem Platz ist der Schweizer auch in geschäftlichen Dingen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.