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Medikamente ohne Rezept : Todsicher mit Nebenwirkungen

  • -Aktualisiert am

Täglich landen verdächtige Päckchen im Internationalen Postzentrum am Frankfurter Flughafen Bild: Claus Setzer

Sie sind billig - und begehrt: Medikamente ohne Rezept. Der illegale Handel mit Schmuggelware aus Asien blüht. Doch die Pillen sind meist gefälscht und gefährlich.

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          „Jeder betroffene Mann sollte sich eine Erektion leisten können“, fordert die Internet-Apotheke „online-apo24.com“ fürsorglich auf ihrer Website, „und zwar auch in wirtschaftlich schweren Zeiten.“ Das Angebot („Rezeptfrei einkaufen, diskrete Verpackung“) findet wachsendes Interesse und reicht von klassischen Potenzmitteln wie Viagra und Cialis über Schlankheitspillen bis zu Stimmungsaufhellern und Aufbaupräparaten, die Kamagra oder Lovegra heißen.

          Die meisten sind patentgeschützt und apothekenpflichtig - und ohne Rezept normalerweise nirgendwo zu bekommen. Es sei denn, man unterläuft den legalen Handel und deckt den persönlichen Bedarf an sogenannter Lifestyle-Medizin wie Haarwuchs-, Schlankheits- oder Potenzmitteln im Ausland. Über das Internet zum Beispiel - die Schmuggelware stammt vornehmlich aus Südostasien.

          Mehr als 35 Milliarden Dollar Umsatz mit Imitaten

          Vorsicht, warnt Mona Tawab. Die Leiterin des Zentrallaboratoriums Deutscher Apotheker in Eschborn beruft sich auf Erkenntnisse der Weltgesundheitsorganisation (WHO): „Zehn Prozent aller international gehandelten Medikamente und mindestens die Hälfte der geschmuggelten Lifestyle-Arzneien sind gefälscht.“

          Was aus Südostasien stammt, kommt auf die Tische der „Überwachungsgruppe Zoll”

          Seit der illegale Handel von Medikamenten große Renditen verspricht, deutlich größere noch als der Handel mit Rauschgift, „wird alles abgekupfert und gefälscht, wofür ein Markt existiert“, sagt die Apothekerin Ursula Sellerberg, Sprecherin der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (Abda) in Berlin. Also nicht nur Lifestyle-Präparate, sondern in steigendem Maß auch Psychopharmaka oder Antibiotika, Medikamente gegen Krebs ebenso wie Mittel gegen Bluthochdruck.

          Mehr als 35 Milliarden Dollar Umsatz machen die internationalen Pharma-Fälscher mit Imitaten und Plagiaten im Jahr, schätzt Mona Tawab. „Bis 2010 könnte das Volumen aber durchaus auf 70 bis 75 Milliarden Dollar ansteigen.“

          Oft lässt sich die Substanz nicht identifizieren

          Arzneimittelfälschungen sind nach Definition der WHO Produkte, die im Hinblick auf ihre Herkunft und Identität vorsätzlich falsch gekennzeichnet sind. Wobei Axel Thiele vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn sehr genau unterscheidet: zwischen Produkten, bei denen Verpackung und Beipackzettel gefälscht sind, und Präparaten, in denen der entscheidende Wirkstoff überhaupt nicht enthalten ist - oder nur in unzureichender Menge und Qualität.

          Oft genug lässt sich die maßgebliche Substanz überhaupt nicht identifizieren, ist verfälscht, verunreinigt und sogar gesundheitsgefährdend. Thieles Kollegen berichten von Pillen, in denen toxische oder krebserregende Substanzen wie Chloroform oder Benzol nachgewiesen werden konnten: heimtückische Beimischungen, von denen nichts ahnt, wer in einem Umschlag aus Indien oder Thailand zwei Dutzend Pillen lose in Plastiktütchen geschickt bekommt. Mit fehlerhaft ins Deutsche übersetzten Dosierungshinweisen, ohne Angaben über Hersteller oder Verfallsdatum und lediglich mit einem handgeschriebenen Vermerk am Rand: „Viagra“. Oft nur einen Euro kostet die Viagra-Pille im Internet - normalerweise ist der Ladenpreis zehnmal höher.

          Gefälschte Medikamente können tödlich wirken

          „Eine Menge Medikamente sind gefälscht - aber deren Nebenwirkungen sind in allen Fällen echt“, warnt Ursula Sellerberg. Dass einer Frau plötzlich ein Stoppelbart sprießt, wie das Beispiel auf einem zur Abschreckung eingesetzten Flyer der Abda zeigt, ist eines der harmlosen Beispiele. Gefälschte Medikamente können tödlich wirken. An einem verunreinigten, in China hergestellten Gerinnungshemmer (Heparin) etwa starben in den Vereinigten Staaten im vergangenen Jahr 81 Menschen, in Deutschland wurden 31 Fälle von schweren Nebenwirkungen gemeldet.

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