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Kliniken sind alarmiert : Lieferengpass bei Medikament für Schlaganfälle

Ein Arzt deutet auf Bilder eines MRT, auf denen die verschiedene Gehirnquerschnitte der jungen Schlaganfall-Patientin zu sehen sind. Bild: picture-alliance/ dpa

Es gibt Lieferengpässe für ein wichtiges Arzneimittel zur Behandlung von Schlaganfällen. Kliniken bekommen bereits weniger Wirkstoff, als sie bestellen. Reichen die Vorräte für den Winter?

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          In jedem Jahr stellen Ärzte in Deutschland bei etwa 200.000 Menschen einen ischämischen Schlaganfall fest, ein verschlossenes Blutgefäß im Gehirn, das zu bleibenden Schäden und sogar zum Tod führen kann. Wird der Zustand schnell genug erkannt, ist es möglich, die lebens­gefährliche Erkrankung zu behandeln. Oft greifen die Mediziner in der Notaufnahme des Krankenhauses dann zu einem biologischen Medikament, das den Blutklumpen auflöst – die Lysetherapie ist seit Jahrzehnten Standard.

          Kim Björn Becker
          Redakteur in der Politik.

          Der Wirkstoff Alteplase half Ärzten dabei, Tausende Leben zu retten. „Das war eine Revolution“, sagt Peter Berlit, der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. „Blockierte Gefäße wieder öffnen, das konnte man vorher nicht.“ Ärzte und Patienten haben sich daran gewöhnt, dass Schlaganfälle heute recht gut behandelt werden können. Und da beginnt das Problem.

          Weltweit nur ein Hersteller

          Denn es gibt weltweit nur einen Hersteller, der Alteplase produziert. Der deutsche Pharmakonzern Boehringer Ingelheim vertreibt es unter dem Namen Actilyse, das Mittel ist enorm erfolgreich. Umso mehr waren Fachleute alarmiert, als das Unternehmen im Frühjahr ein Schreiben verschickte, in dem es unter anderem um Actilyse geht. Betreff: „Information über Lieferengpass bis hin zu vorübergehender Lieferunterbrechung“.

          Einen Engpass für Actilyse erwartet das Unternehmen noch bis Dezember, wobei die Lieferungen zum Jahresende sogar ganz unterbrochen werden könnten. Für Patienten könnte es zum Problem werden, sollte den Krankenhäusern das Mittel im Winter schlimmstenfalls ganz ausgehen. „Bei größeren Gerinnseln gibt es die Möglichkeit, sie mechanisch über einen Katheter zu entfernen“, sagt der Neurologe Berlit.

          Doch in vielen Fällen wird selbst parallel zur Thrombektomie eine Lyse empfohlen, das verbessert die Chance auf Heilung erheblich. „Eine Thrombektomie allein hat eine schlechtere Prognose als eine kombinierte Therapie“, sagt Berlit. „Aber es ist immer noch deutlich besser, als nichts zu machen.“ Die Deutsche Schlaganfallgesellschaft bezeichnet den Engpass als „ungewohnt und besorgniserregend“.

          Kleinere Packungen für mehr Patienten?

          Der Actilyse-Engpass ist kein Einzelfall. Immer wieder kommt es vor, dass einzelne Medikamente in Deutschland nur eingeschränkt verfügbar sind. Die Industrie hat dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn aktuell Einschränkungen bei 271 Präparaten gemeldet. Mal fehlt es an Wirkstoffen, mal sind bestimmte Packungsgrößen knapp, mal einzelne Darreichungsformen. Insgesamt sind etwa 100.000 Mittel zugelassen, die Quote der Engpässe ist somit nicht besonders hoch. Doch nicht immer ist es Apothekern möglich, Alter­nativen zu den verschriebenen Arzneien zu finden. Im Frühjahr war zum Beispiel der Wirkstoff Tamoxifen knapp, der zur Behandlung von Brustkrebs eingesetzt wird.

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