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Corona, Masern, Ebola : Afrika leidet nicht bloß unter einer Krise

Ein Kind in Kongo wird gegen Ebola geimpft. Bild: dpa

In Zentralafrika wütet derzeit die größte Masernepidemie der Welt: Doch die Fokussierung auf die Corona-Pandemie erschwert den Kampf gegen die Krankheit. Mediziner befürchten einen Rückfall in finstere Zeiten.

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          Vor einem „stillen Tod in Zeiten von Covid-19“ warnt die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ – einem Tod, der vornehmlich in Entwicklungsländern wütet und die Jüngsten dahinrafft. Die Sorge lautet, dass die Zahl aus dem Jahr 2018, als 140.000 Kinder an den Masern starben, in diesem Jahr klar übertroffen werden könnte. Viel Aufsehen erregt das einsame Sterben im Busch nicht. In den meisten Industrienationen hat die „Kinderkrankheit“ dank wirksamer Impfstoffe ihren Schrecken längst verloren. Mit einigem Erfolg bemühen sich Mediziner seit Jahren, die Masern auch in Entwicklungsländern zurückzudrängen. Nun aber befürchten sie einen Rückfall in finstere Zeiten – weil der Kampf gegen das Coronavirus den Kampf gegen Masern und andere Krankheiten in den Hintergrund treten lässt.

          Thilo Thielke

          Freier Berichterstatter für Afrika mit Sitz in Kapstadt.

          Dass die Fokussierung auf das neuartige Virus verheerende Folgen haben dürfte, weiß auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO). „Das unnötige Leiden und Sterben, das entsteht, wenn Kinder keine Routineimpfungen bekommen, könnte weitaus größer sein als Covid-19 selbst“, sagte der Generaldirektor der WHO, der Äthiopier Tedros Adhanom Ghebreyesus. Grund für die Sorge ist eine Untersuchung von WHO und dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef). Demnach hat sich in den ersten vier Monaten dieses Jahres die Zahl der auf der Welt verabreichten DTP3-Impfungen gegen Diphterie, Tetanus und Keuchhusten zum ersten Mal seit fast 30 Jahren reduziert, und zwar „bedeutend“.

          Kampagnen für Impfung ausgesetzt

          Gegen Masern wurden 30 Impfkampagnen auf der ganzen Welt abgesagt, mehr als 60 Länder meldeten wegen unterbrochener Lieferketten Probleme mit dem Nachschub von Impfdosen. „Impfstoffe sind eines der wirksamsten Instrumente in der Geschichte der öffentlichen Gesundheit“, sagte Tedros Adhanom Ghebreyesus. Die Reaktion auf die Corona-Pandemie bringe diese Errungenschaft nun in Gefahr. Unicef-Chefin Henrietta Fore sagte: „Wir können nicht eine Gesundheitskrise gegen eine andere tauschen.“

          In vielen afrikanischen Ländern hat die Angst vor Covid-19 zu panikartigen Überreaktionen geführt. Grenzen wurden geschlossen und Ausgangssperren verhängt, Lieferketten wurden zerstört und Arbeitsplätze vernichtet. Die Auswirkungen auf die Gesundheit sind an vielen Stellen zu beobachten. Die Vereinten Nationen warnen vor Hungersnöten, die in Afrika Hunderttausende, wenn nicht Millionen Menschen das Leben kosten könnten. Weil keine imprägnierten Moskitonetze mehr verteilt werden, drohen in diesem Jahr allein 400.000 zusätzliche Malaria-Tote.

          Und dann sind da noch die Folgen für das Impfen. Auf eine Anfrage der FDP antwortete das Bundesgesundheitsministerium unter Berufung auf die Impfallianz Gavi vor kurzem, viele Länder hätten ihre Kampagnen zur Massenimpfung gegen Krankheiten wie Cholera, Masern, Meningitis, Kinderlähmung, Tetanus, Typhus und Gelbfieber ausgesetzt. Selbst die WHO habe einen solchen Stopp empfohlen, um große Ansammlungen von Menschen zu vermeiden. Unter anderem in Äthiopien, Burkina Faso, Kongo, Nigeria, Senegal, Tschad und der Zentralafrikanischen Republik könne es in diesem Jahr zu einem Anstieg lebensbedrohlicher Erkrankungen kommen. In mindestens 106 Ländern sei auch der Kampf gegen HIV und Tuberkulose beeinträchtigt. Etwa drei Viertel der Programme sollen betroffen sein. Viele der sonst für HIV und Tuberkulose genutzten Diagnoseinstrumente wie etwa Labore seien zurzeit fast nur noch für Corona-Tests im Einsatz.

          Mehr als 50.000 Infektionen seit Januar

          Eines der Länder, das besonders von der Maserngefahr betroffen ist, ist Nigeria. Für nigerianische Kinder werde es kritisch, sagte Unicef-Repräsentant Peter Hawkins. Schon jetzt lebten 30 Prozent aller Kinder bis fünf Jahre, die keine Grundimmunisierung haben, in dem westafrikanischen Staat mit rund 200 Millionen Einwohnern. Im Vergleich zum ersten Halbjahr 2019 sind in Nigeria laut Unicef in diesem Jahr wesentlich weniger Grundimmunisierungen vorgenommen worden.

          Ein düsteres Bild zeichnet „Ärzte ohne Grenzen“ von der Lage in Zentralafrika. Das immer wieder von Ebola-Ausbrüchen gebeutelte Kongo etwa leide „unter mehreren Epidemien auf einmal“. Zurzeit wüte dort die größte Masernepidemie der Welt. „Seit Januar 2020 wurden schon mehr als 50.000 Maserninfektionen und 600 Todesfälle offiziell bestätigt“, sagte Emmanuel Lampaert, der Kongo-Projektkoordinator der Organisation. Dabei seien viele Regionen mit steigenden Fallzahlen und Todesfällen noch gar nicht im letzten nationalen Masernreaktionsplan aufgeführt.

          In der Zentralafrikanischen Republik versorgten die Helfer auch Kinder, die an Masern erkrankt sind. Seit Jahresbeginn seien es mehr als 6200, sagte Lampaert. Da deren Immunsysteme oft geschwächt seien, kämpften sie häufig mit anderen Gesundheitsproblemen wie schweren Atemwegsinfektionen oder Durchfallerkrankungen. In Tschad, so „Ärzte ohne Grenzen“, befänden sich gleich „mehrere Landesteile fest im Griff einer seit zwei Jahren andauernden Masernepidemie“. Inzwischen seien 118 von 126 Gesundheitsbezirken betroffen.

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