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Masern : Das Impfen einimpfen

Schutzimpfungen retten Leben Bild: dpa/dpaweb

In Europa sterben jährlich etwa 32.000 Kleinkinder, weil sie nicht geimpft sind. Nun ist in Nordrhein-Westfalen eine Masernepidemie ausgebrochen - eine Folge des fehlenden Risikobewußtseins.

          Eine solche Nachricht im Jahr 2006 mutet anachronistisch an: In Nordrhein-Westfalen ist eine Masernepidemie ausgebrochen. Nach Angaben des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte wurden in den vergangenen zehn Wochen 1100 Erkrankungsfälle registriert. Zwei Kinder und eine junge Frau sind an Gehirnentzündungen erkrankt, die durch Masernviren hervorgerufen wurden.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Wie konnte es dazu trotz der mittlerweile hochentwickelten Impfstoffe gegen Masern kommen? Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte wirft den örtlichen Gesundheitsämtern Versagen vor. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums in Düsseldorf sagte, die Landesregierung habe Anfang der Woche in einem Runderlaß an die Ämter gefordert, daß Maßnahmen ergriffen würden.

          Es müsse etwa verhindert werden, daß infizierte Kinder zur Schule gingen. Auch seien „Riegelungs-Impfungen“ im Umfeld infizierter Personen erforderlich, um die Ausbreitung der Krankheit zu verhindern. Letztlich sei aber jeder selbst für seinen Impfschutz verantwortlich.

          Lückenhafter Impfschutz bei Erwachsenen

          Dieser Verantwortung ist sich die Bevölkerung offenbar noch nicht hinreichend bewußt: Einerseits wurden nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts, das in Deutschland für die Zulassung und Freigabe von Impfstoffen verantwortlich ist, in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich mehr Impfdosen gegen Influenza freigegeben, allein 23 Millionen im Jahr 2004. „Daraus läßt sich in jedem Fall ein positiver Trend ableiten“, sagt Michael Pfleiderer, der Leiter des Fachgebiets Virusimpfstoffe.

          Auch die Durchimpfungsraten bei anderen Infektionskrankheiten wie Röteln, Diphterie oder Keuchhusten sind laut einer Erhebung des Robert Koch-Instituts, der zentralen Forschungseinrichtung für den Schutz vor Infektionskrankheiten, zwischen 1996 und 2000/2002, gestiegen: Von knapp 70 auf knapp 90 Prozent (Röteln), von 93 auf 96 Prozent (Diphterie), von 34 auf 87 (Keuchhusten).

          Andererseits sagen solche Zahlen nicht alles. Jan Leidel, stellvertretender Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (Stiko) des Robert-Koch-Instituts, sagt: „Gesicherte Ergebnisse liegen nur für Kinder vor, ermittelt bei den Schuleingangsuntersuchungen.“ Bei Erwachsenen sei der Impfschutz lückenhafter: „Deutschland zählt weiterhin zu den Ländern mit insgesamt unzureichenden Durchimpfungsraten.“

          „Impfungen büßen an Wertschätzung ein“

          Zu Beginn der achtziger Jahre gab es Grund anzunehmen, daß in den Industrienationen durch die hohe Impfbereitschaft Infektionskrankheiten weitgehend besiegt seien. Das hat sich als Illusion erwiesen. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben in europäischen Ländern etwa 32.000 Kleinkinder jährlich an Krankheiten, die durch Impfung vermeidbar sind - von den ungleich höheren Sterberaten in afrikanischen oder asiatischen Staaten zu schweigen. „Impfungen laufen Gefahr, Opfer ihres eigenen Erfolgs zu werden“, sagt Marc Danzon, der Direktor des WHO-Regionalbüros für Europa. „Weil Erkrankungen ausbleiben, büßen sie an Wertschätzung ein.“

          Das gilt nicht für alle Länder in gleichem Maße. So liegen die Durchimpfungsraten Deutschlands, Italiens und Frankreichs hinter denen der Staaten des amerikanischen Kontinents oder Skandinaviens. Laut John Spika vom WHO-Regionalbüro für Europa haben etwa die skandinavischen Länder auf jedes Anzeichen von Impfmüdigkeit schnell mit verstärkter Aufklärungsarbeit reagiert. In den Ländern Latein- und Nordamerikas wiederum fänden Bedenkenträger gegen das Impfen weniger Gehör.

          Außerdem seien Impfkampagnen in solchen Ländern erfolgreicher, in denen der Impfschutz - anders als in Deutschland - zentralistisch organisiert sei. In den Vereinigten Staaten folgten darüber hinaus viele Bundesstaaten an ihren Kindergärten, Schulen und Universitäten der Devise: „No shots, no school“. Wer nicht geimpft ist, darf nicht zur Schule gehen oder studieren, es sei denn, er kann religiöse oder ethische Vorbehalte geltend machen.

          In Deutschland gibt es keine allgemeine Impfpflicht

          In der DDR wurde das Impfen für Kinder und Jugendliche staatlich verordnet. Nach der Wiedervereinigung sanken die Impfraten stark. Leidel glaubt allerdings nicht, daß eine Impfpflicht ein Patentrezept zur Bekämpfung von Impfmüdigkeit sei. „In der DDR gab es schlicht eine gesellschaftliche Haltung, in welcher der Sinn des Impfens nicht angezweifelt wurde.“ In Deutschland gibt es keine allgemeine Impfpflicht. Das Infektionsschutzgesetz, das 2001 in Kraft trat, sieht allerdings für den Fall einer Epidemie-Gefahr eine staatlich angeordnete Impfung vor. Bislang ist dieser Passus nicht angewendet worden.

          Eigentlich sei es sonderbar, sagt Spika, daß man den Leuten nach wie vor das Impfen einimpfen müsse. Denn die Geschichte des Impfens sei eine Erfolgsgeschichte. Ende des 18.Jahrhunderts hat der englische Landarzt Edward Jenner einen Jungen gegen die verheerende Pockenkrankheit immunisiert, indem er ihn mit den weniger gefährlichen Kuhpocken infizierte, was zur Bildung von Antikörpern führte.

          Als Ende des 19.Jahrhunderts Forschern wie Louis Pasteur oder Robert Koch der Nachweis der Existenz bakterieller Krankheitserreger gelang, wurden systematisch Impfstoffe entwickelt. Daß durch Impfungen immer wieder Schäden verursacht worden sind, ist in der Forschung genauso unbestritten wie die Tatsache, daß nicht nur die Einführung von Impfstoffen zum Rückgang von Infektionskrankheiten geführt hat. Auch verbesserte Hygiene und Ernährung hätten einen Anteil daran.

          „Der Nutzen von Schutzimpfungen ist belegt“

          „Gleichwohl“, so Ulrich Heininger, Professor am Universitäts-Kinderspital beider Basel, „ist der herausragende Nutzen von Schutzimpfungen eindrucksvoll belegt.“ So war nach Angaben des Robert Koch-Instituts nach der Einführung des Impfstoffes gegen das Stäbchenbakterium Haemophilus-Influenzae Typ B ein Rückgang der Infektionen um 96 Prozent zu verzeichnen. Europa gilt mittlerweile als pocken- und poliofrei. Auch das ist ein Verdienst von Schutzimpfungen.

          Doch gab es in der Vergangenheit aus den unterschiedlichsten Gründen immer wieder Kritik an Impfprogrammen. In Nigeria gab es laut Leidel einen massiven Einbruch der Durchimpfungsraten gegen die Poliomyelitis (Kinderlähmung), weil man glaubte, die Amerikaner trachteten danach, durch Impfprogramme muslimische Frauen unfruchtbar zu machen. Einer der bekanntesten deutschen Mediziner, der sich gegen das Impfen wendet, ist Gerhard Buchwald, dessen umstrittene Kritik in der Behauptung mündet, daß Impfen nicht gesund, sondern im Gegenteil krank mache und aus ökonomischen Gründen durch eine „große Koalition aus Gesundheitsbehörden, Ärzten und der Pharmaindustrie“ propagiert werde.

          Fundamentale Impfkritiker bilden allerdings nur eine Minderheit in der Bevölkerung. Weit größer ist die Gruppe von Impfskeptikern: Nach Angaben des Robert Koch-Instituts umfaßt sie etwa acht Millionen Deutsche. Sie glauben etwa, Infektionskrankheiten müßten durchgemacht werden, um das Immunsystem zu stärken. „Das ist ein Irrglaube“, sagt Leidel. Gerade Masern, mit denen manche Eltern ihre Kinder bei „Masernpartys“ in ansteckende Berührung brächten, könnten - wie zur Zeit in Nordrhein-Westfalen - zu schwerer Gehirnentzündung mit möglicher Todesfolge führen. Vor allem die Ärzte müßten dafür das Bewußtsein schärfen, sagt Leidel. „Jeder Mensch geht einmal im Jahr zum Arzt, das ist die ideale Gelegenheit, um ihn auf Lücken in seinem Impfschutz aufmerksam zu machen.“ Denn was ein Arzt sage, glaubten die Menschen zumeist.

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