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Marihuana auf Rezept : Kalifornien wird grün

  • -Aktualisiert am

Vertrauenssache: Marihuana der Sorte „L.A. Confidential” ist ein Verkaufsrenner an der Westküste Bild: AFP

An der amerikanischen Westküste ist Marihuana praktisch legal. Patienten mit trockener Haut oder Schmerzen beim Tragen hoher Absätze bekommen problemlos ein Rezept. Handel und Anbau boomen. Die Politik will davon profitieren.

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          Kein cooles Lounge-Feeling und nicht mal der leiseste Hauch von Räucherstäbchen-Romantik: Als sich die Metalltür zwischen den verdunkelten Scheiben mit leisem Surren öffnet, werden Erinnerungen an einen Hochsicherheitstrakt wach. Kahle Wände, Gegensprechanlagen und Überwachungskameras in jeder Ecke. Noch bevor man überhaupt einen Joint angesteckt oder gar inhaliert hat, stellt sich das ungute Gefühl ein, etwas Verbotenes zu tun. Wenn dann auch noch ein aufgeräumter junger Mann, natürlich hinter Glas, nach einer "Empfehlung" fragt, kommen leise Zweifel auf, dass der "Gourmet Green Room" im kalifornischen Venice wirklich so harmlos ist wie behauptet.

          Das von außen unscheinbare Eckhaus am Lincoln Boulevard firmiert als dispensary, eine Art Apotheke mit sehr beschränkter Produktpalette. "Gourmet Green" führt als einzige Ware Marihuana, das aber in allen möglichen Konzentrationen. Hinter Namen wie "Pink Panther", "L.A. Confidential" und "Green Crack Lemon Wreck" verbergen sich die phantasievollsten Mischungen aus den Blütenständen und Blättern der Cannabispflanze. Angeboten wird das Marihuana aber keineswegs als berauschender Partyspaß - nur wer ein ärztliches Rezept mitbringt, wird in den Dispensarien bedient und darf "Pink Panther" und seine Verwandten genießen. Marihuana gilt bei vielen als Wundermittel für eine Reihe von Beschwerden wie chronischen Schmerzen nach Unfällen, Übelkeit während HIV- und Krebstherapien, Angstattacken und Arthrose. "Es hat eine geringe Toxizität und daher vergleichsweise wenig Nebenwirkungen", meint Dale Gieringer, seit Jahrzehnten bei der "National Organization for the Reform of Marijuana Laws" (NORML) ein Verfechter liberaler Gesetze in Kalifornien.

          Wegen hohen Suchtrisikos in Amerika verboten

          Marihuana auf Rezept gibt es in Amerikas Golden State bereits seit einem Volksentscheid vor 13 Jahren. Damals formulierten Gieringer und eine Handvoll Mitstreiter die "Proposition 215", nach der Patienten die Droge konsumieren, anbauen und transportieren dürfen, solange sie die Empfehlung eines Arztes vorweisen können. Seit 1996 hat die kalifornische "Proposition 215" dennoch immer wieder für Konflikte gesorgt, da sie den amerikanischen Bundesgesetzen widerspricht. Das Gesetz zur Verhinderung von Drogenmissbrauch, verabschiedet während Nixons Präsidentschaft, klassifiziert Marihuana als Droge der Kategorie 1. Wegen des angeblich hohen Suchtrisikos ist es damit in Amerika verboten, unabhängig davon, ob als Heil- oder Rauschmittel. Auch die kalifornischen Dispensarien mussten daher immer wieder mit überraschendem Besuch von den Drogenfahndern des amerikanischen Justizministeriums rechnen.

          Darf´s ein bisschen mehr sein? Ein Gras-Dispensary in Kalifornien
          Darf´s ein bisschen mehr sein? Ein Gras-Dispensary in Kalifornien : Bild: AFP

          Seit Obamas Einzug in das Weiße Haus können die Marihuana-Befürworter an der Westküste jedoch aufatmen. Nach Geständnissen während des Wahlkampfes, selbst Cannabis geraucht und dabei inhaliert zu haben ("das ist doch Sinn der Sache"), verkündete der Präsident diese Woche, keine Drogenfahnder mehr nach Kalifornien und in die anderen 13 Bundesstaaten zu schicken, in denen medizinisches Marihuana erlaubt ist. "Dieses ausgewogene Vorgehen formalisiert die Haltung, die das Ministerium seit Januar verfolgt", erklärte Justizminister Eric Holder. "Wir konzentrieren unsere Ressourcen auf groß angelegten Drogenhandel und folgen im Übrigen den Gesetzen der einzelnen Bundesstaaten."

          Eine Auswahl besonders edler Geschmacksrichtungen

          Schon seit Monaten schießen in Los Angeles die Dispensarien wie Pilze aus dem Boden. Allein im Künstlerort Eagle Rock im Nordosten der Stadt finden sich in einem Umkreis von ein paar Kilometern inzwischen mehr als zehn Ausgabestellen mit verheißungsvollen Namen wie "Green Goddess" und "Cornerstone Collective". Aus den rund 200 Dispensarien, die vor zwei Jahren zwischen dem Küstenort Venice und dem noblen Pasadena medizinisches Marihuana anboten, sind inzwischen mehr als 800 geworden. Die meisten haben mit sterilem Apothekencharme wenig gemein und erinnern eher an gepflegte Clubs.

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