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Marathon : Mit Fieber nie

Massenveranstaltung Marathon: Neben gut vorbereiteten Athleten trauen sich immer mehr Freizeitläufer an den Start Bild: dpa

Drei Tote bei einem Langstreckenlauf - das ist ungewöhnlich. Noch ist unklar, warum die Teilnehmer des Detroit-Marathons am Sonntag starben. Nach Meinung von Fachleuten sind unerkannte Herzfehler und das Laufen mit Infekt die häufigste Ursache.

          Die Läufer waren 26, 36 und 65 Jahre alt. Der jüngste, Jon Fenlon, kam noch ins Ziel des Halbmarathons, erst dann brach er zusammen und konnte nicht wiederbelebt werden. Daniel Langdon und der älteste der drei, Rick Brown, starben am Sonntag, bevor sie die 20-Kilometer-Marke erreicht hatten. Die Bedingungen in Detroit waren für einen Langstreckenlauf im Freien nahezu perfekt: Beim Start waren die Temperaturen knapp unter null Grad, dann stiegen sie auf fünf Grad. Woran die drei Männer starben, sollten noch am Montag Obduktionen klären.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Drei Tote bei einem Marathon - das ist sehr ungewöhnlich, auch wenn sich genau 19.326 Teilnehmer für den immerhin schon 32. Marathon in Detroit angemeldet hatten. In all den Jahren zuvor gab es nur einen Toten zu beklagen: Im Jahr 1994 starb der 42 Jahre alte Samuel Grafton nach einem Herzanfall. Erst in den vergangenen Jahren scheinen sich Todesfälle bei Marathons zu häufen. In die Geschichte ist vor allem der „Great North Run“ im Norden Englands eingegangen, einer der bedeutendsten Halbmarathons der Welt, bei dem vor vier Jahren gleich vier männliche Läufer ums Leben kamen.

          An der Premiere im Jahr 1981 nahmen rund 12.000 Sportler teil, bis zum Jahr 2003 stieg ihre Zahl auf 47.000. Auch in Deutschland gibt es Jahr für Jahr Todesfälle. 2007 waren es mindestens acht, unter ihnen gleich zwei Teilnehmer (ein 66 Jahre alter Läufer und ein 46 Jahre alter Inline-Skater) beim Ruhr-Marathon; ein weiterer Läufer konnte nach einer Reanimation gerettet werden, ein Läufer kam mit Hirnblutungen in eine Essener Klinik - und überlebte.

          19.326 Teilnehmer hatten sich für den Marathon in Detroit angemeldet, bei dem drei Läufer starben

          Niemals im Training laufen, wenn man Fieber hat

          Bei einer Sport-Massenveranstaltung mit Zehntausenden Menschen, die es heute in fast allen Metropolen der Welt gibt, ist es schon rein statistisch nicht unwahrscheinlich, dass jemand im Laufe eines Tages stirbt. Doch die meisten Fälle beruhen nach Erfahrungen von Fachleuten wie dem Langstreckenläufer Herbert Steffny auf Unvernunft und wären vermeidbar gewesen - „nämlich unerkannte Herzfehler und Laufen mit Infekt bei Fieber“. Steffny, der in seiner Karriere allein drei Mal den Frankfurt-Marathon (1985, 1989, 1991) gewann und den München-Marathon 1989 als Sieger (2:11:30) mit Streckenrekord zurücklegte, stellt fest, dass sich heute bei den großen Laufveranstaltungen und Extremrennen (wie etwa dem Zugspitz-Berglauf) neben den gut vorbereiteten und vernünftigen Athleten immer mehr Freizeitläufer an den Start trauten, „die offenbar sehr naiv, leichtsinning oder überehrgeizig die einfachsten vier Regeln nicht kennen“.

          Die erste Regel lautet: „Laufe keinen Wettkampf und schon gar keinen Marathon, Ultra- oder Extremrennen ohne ordentliches Training! Eineinhalb, besser zwei Jahre regelmäßiges Training sind für einen Marathon nötig.“ Die weiteren Empfehlungen: Niemals, auch nicht im Training, laufen, wenn man Fieber hat. Sonst droht schnell eine Herzmuskelschwäche, die beim Marathon zum Tode führen kann. Überhaupt das Herz: Wer sich für einen Lauf entscheidet, sollte sich am Anfang seiner Trainingswochen und noch einmal drei bis vier Wochen vor dem Marathon vom Arzt durchchecken lassen. Und für den Lauf selbst rät Steffny: „Respektiere durch angemessene und vorsichtige Renneinteilung, Verpflegung, Trinkverhalten, Bekleidung und Ausrüstung die bis hin zum Todesrisiko reichenden Gefahren eines Hitzerennens oder Extremberglaufs im Hochgebirge!“

          „Das Gesündeste an einem Marathon ist das Training“

          Sportmediziner haben immer wieder vorgeschlagen, ärztliche Atteste als Startvoraussetzung zu machen. Bislang wird aber kein Gesundheitszeugnis von den Startern eingefordet. Meist reicht eine Unterschrift unter einen Satz, wie er in vielen Anmeldeformularen nachzulesen ist: „Ich erkläre, dass ich gesund bin und einen ausreichenden Trainingszustand habe. Ich bin damit einverstanden, dass ich aus dem Rennen genommen werde, wenn die Gefahr einer gesundheitlichen Schädigung besteht.“ Die Unterschrift reicht für die Veranstalter aus, um sich abzusichern.

          Dabei lässt sich nach Angaben von Ingo Froböse unschwer erkennen, dass die große Zeit der Marathons eigentlich schon überschritten ist. „Die Läufer, die Marathons problemlos laufen konnten, haben die 42 Kilometer schon absolviert“, sagt der Leiter des Zentrums für Gesundheit der Deutschen Sporthochschule Köln. Jetzt kämen die, die eigentlich nicht eine so lange Strecke laufen sollten, aber auch unbedingt einmal im Ziel eines Marathons ankommen wollten. Das zeigten schon die Laufzeiten der Teilnehmer: Die würden nämlich immer langsamer, auch wenn die Spitzenläufer noch mit immer neuen Rekorden für Schlagzeilen sorgten.

          Herzmuskelschwäche häufigste Todesursache

          „Das Gesündeste an einem Marathon ist das Training“, sagt Froböse. Der passionierte Läufer würde sich nie für einen Marathon anmelden. Läufe von mehr als zwei Stunden seien nicht gut für den menschlichen Körper. Man müsse sich unbedingt vorher auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen untersuchen lassen. Unerkannte Herzprobleme, wie etwa auch eine beim Training erworbene Herzmuskelschwäche, gehörten nachweislich zu den häufigsten Todesursachen. Andererseits ist Froböse sehr dafür, dass der Mensch sich bewegt. „An Bewegungsmangel sterben jährlich immerhin 600.000 Menschen in Europa.“ Dagegen gibt es im Durchschnitt nur einen Todesfall unter 100.000 Marathonläufern.

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