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Magersucht-Therapie : Der Kampf am Tisch

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Viele müssen sich eine berufliche Auszeit nehmen

Die Familien durchlaufen mit Unterstützung von Therapeuten und Ärzten drei Phasen. In der ersten und längsten geht es um die Gewichtsnormalisierung; darum, mögliche Begleiterscheinungen und Folgen der Magersucht - Mangelernährung, Herzprobleme, Osteoporose - so gut wie möglich zu verhindern. Die Eltern sollen Einfühlungsvermögen und Verständnis für ihr Kind und dessen Zwiespalt beim Essen zeigen, aber auch klarmachen, dass es keine Alternative gibt. Dem Jugendlichen soll keinesfalls die Schuld für die kranken Verhaltensweisen gegeben werden. Eines der Prinzipien lautet daher, das Kind von seiner Krankheit gedanklich zu trennen. Und so redet Brown auch von Dämonen und nicht von Kitty, wenn sie das Gefühl hat, die Magersucht spreche aus ihrer Tochter.

In Phase zwei geben die Eltern ihrem Kind nach und nach mehr Eigenverantwortung bei Essen und Bewegung zurück. Die dritte und letzte Phase beginnt, wenn das Kind ein gesundes Gewicht halten kann. Jetzt liegt der Schwerpunkt auf dem Aufbau dessen, was eine „normale Teenager-Identität“ genannt wird. Im Zentrum steht außerdem, ein normales Verhältnis der Jugendlichen zu ihren Eltern zu schaffen. Die FBT, sagt Le Grange, ist nicht für alle Betroffenen gleichermaßen geeignet. Es gebe Eltern, die die große Verantwortung nicht übernehmen wollten oder könnten. Außerdem mangelt es selbst in Amerika und Großbritannien an speziell ausgebildeten Therapeuten.

Harriet Brown blieb zunächst Tag und Nacht bei Kitty. Die Journalistin hatte einen verständnisvollen Arbeitgeber und konnte von zu Hause arbeiten. Andere müssen sich eine Auszeit nehmen oder gar kündigen. Brown und ihr Mann warteten jedesmal vor der geöffneten Badezimmertür, wenn Kitty auf die Toilette ging, damit sie nicht erbrach. Sie schauten nachts in ihr Zimmer, damit sie keine heimlichen Sit-ups machte. Andere Eltern berichten, dass sie die Polizei rufen mussten, weil ihr Kind nicht aufessen wollte, aggressiv wurde und mit Tellern warf.

Dann kam es zum Rückfall

Auch Brown tat alles, um ihre Tochter zum Essen zu bringen. Zu der Ansicht, Zwang sei grausam, sagt sie: „Die traditionellen Ansätze sind grausam, weil sie den Patienten dem Dämon ausliefern, wenn es heißt, dass sie selbst verantwortlich für ihr Essen sind, es aber nicht können.“ Manchmal, schreibt Brown, schien ihre Tochter sogar darum zu betteln, dass sie hart blieb. „Muss ich wirklich diese zwei Kugeln Eis essen?“, fragte Kitty dann. „Ja, du musst zwei essen“, antwortete Brown.

Der Weg der Familie war gepflastert von Rückschlägen, Lügen und Krisen. Als Kitty 15 Jahre wurde, die Behandlung also schon einige Monate andauerte, wünschte sich das Mädchen nur, dass sie an ihrem Geburtstag keinen Kuchen essen müsse. Dennoch: Es ging ihr immer besser, mit jedem Kilogramm schien auch Kittys Lebensmut und ursprünglicher Charakter wieder zurückzukehren.

Den größten Erfolg hat die FBT bei Jugendlichen mit Magersucht und Bulimie wie Kitty, die erst vergleichsweise kurz erkrankt sind. Nachdem sie ein gesundes Gewicht erreicht und die High School abgeschlossen hatte, zog sie von zu Hause aus. Alles schien gut zu laufen. Doch dann kam es zum Rückfall. Nun, volljährig, wollte Kitty beweisen, dass sie es allein schafft. Wenn nicht, würden ihre Eltern sie nach Hause holen. „Wir werden alles tun, damit es ihr bessergeht“, schreibt Brown am Ende ihres Buches. Ob mit 18 Jahren oder 38.

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