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Magersucht-Therapie : Der Kampf am Tisch

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Le Grange betont, bei allen möglichen körperlichen und psychischen Erkrankungen würden Eltern als wertvolle Ressource zur Unterstützung ihrer Kinder gesehen, nur nicht bei der Magersucht. „Traditionellere Ansätze bevorzugen individuelle Behandlung und sehen die Einbeziehung von Eltern, in welcher Form auch immer, im besten Fall als unnötig an, im schlechtesten Fall als hinderlich im Heilungsprozess“, sagt er. „Genaugenommen werden familiäre Probleme sogar als Teil der Entstehung der Essstörung gesehen.“

„Das schlimmste Jahr, das wir alle je erlebt hatten“

Als Harriet Brown klar wurde, dass ihre Tochter Kitty an Magersucht leidet, las die Journalistin alles, was sie an relevanter Literatur bekommen konnte, angefangen mit Hilde Bruchs Klassiker „Der goldene Käfig“ von 1978. „Bruch stellte Magersüchtige als aufmerksamkeitssuchend, manipulativ und bewusst selbstzerstörerisch dar“, schreibt Brown. Und sie vertrat die Auffassung, dass eine krankhafte Mutter-Kind-Beziehung Ursache der späteren Essstörung sei.

Brown wollte und konnte das nicht glauben. Je mehr sie las, umso schlechter fühlte sich die zweifache Mutter. Die FBT nahm ihr die Schuldgefühle. Psychiater Le Grange sagt, bei dysfunktionalen Phänomenen in Familien mit einem magersüchtigen Kind wie extremer Kontrolle und Angst handele es sich meist nicht um das normale Familienleben. Die Essstörung habe das Gebilde erst aus dem Gleichgewicht gebracht. In der familienbasierten Therapie würden die Eltern als wichtiges Element bei der erfolgreichen Behandlung ihrer Kinder angesehen.

Es gibt insgesamt nur sehr wenige kontrollierte klinische Studien über die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Magersucht. Was die FBT angeht, konnte in diversen Erhebungen aber gezeigt werden, dass sie vor allem zur Erstbehandlung erfolgreicher ist als traditionelle Methoden. Eine Studie, deren Ergebnisse 2010 im Fachblatt der American Medical Association veröffentlicht wurden, zeigt, dass die FBT einer Therapie mit Einzelgesprächen und Fokus auf zugrundeliegende Probleme langfristig signifikant überlegen ist. Bis zu 90 Prozent der Patienten hätten fünf Jahre nach Therapieende ein normales Gewicht gehabt. Vor allem junge Patienten benötigten nicht mehr als 20 Therapiesitzungen über einen Zeitraum von maximal einem Jahr. Allerdings sind die Stichproben der Studien relativ klein. Und die FBT verlangt den Betroffenen viel ab.

Beim Maudsley-Ansatz kontrollieren die Familien das refeeding, also das Wiederauffüttern. Brown, deren Tochter mit 14 erkrankte und bald auf die Intensivstation musste, sagt über den ersten Behandlungstag: „Damit begann das schlimmste Jahr, das wir alle je erlebt hatten.“ Sie, ihr Mann, Kittys jüngere Schwester und nicht zuletzt Kitty selbst.

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