https://www.faz.net/-gum-1698a

Luftfahrt : Höhenluft mit Nebenwirkung?

  • -Aktualisiert am

Ein Mitarbeiter des britischen Herstellers Rolls Royce wartet ein Triebwerk Bild: ddp

Die Belastung von Kabinenluft in Flugzeugen durch Öldämpfe aus den Triebwerken beschäftigt Techniker und Mediziner. Airlines sprechen von Einzelfällen. Kritiker sagen, die Gefahr würde ignoriert. Jetzt hat ein Gericht entschieden.

          Flughafen Düsseldorf, Ende Juni vergangenen Jahres: Kurz nach dem Start in Richtung Kreta musste eine mit 181 Passagieren besetzte Maschine der Air Berlin umkehren - die Piloten bemerkten Brandgeruch, Rauch gelangte ins Cockpit und das Kontrolllämpchen für das Ölsystem leuchtete auf. Der Zwischenfall in Düsseldorf ist ein besonders deutlicher Fall eines so genannten „Smoke/Fume Incidents“.

          Unter diese Kategorie kann, genau genommen, so ziemlich alles fallen: Verbranntes Essen, ein durchgeschmortes Kabel, und so weiter. Eine spezielle Ursache für derlei Zwischenfälle beschäftigt Mediziner und Techniker aber besonders: Die Folgen von Öl-Lecks im Triebwerk. Das war auch die Ursache im Fall Air Berlin. Durch die Hitze verbrennt das ausgetretene Öl, es entstehen Dämpfe, die dann in die Kabine gelangen können. Die Frischluft für Besatzung und Passagiere wird bei praktisch allen Verkehrsflugzeugen über die Triebwerke angesaugt und dann in die Kabine geleitet. „Bleed Air“, zu Deutsch Zapfluft, heißt dieses System unter Fachleuten.

          15 Fälle von kontaminierter Kabinenluft im Jahr 2009

          Im vergangenen Jahr meldeten die Fluggesellschaften 15 Störungen mit kontaminierter Kabinenluft an das Luftfahrtbundesamt (LBA) in Braunschweig - eine vergleichsweise geringe Zahl, gemessen an rund 1100 Störungen insgesamt und mehreren Millionen völlig problemlos abgelaufenen Flügen in Deutschland. Demgegenüber listet die australische Transportbehörde kontaminierte Kabinenluft als zweithäufigste Ursache für plötzliche Fluguntauglichkeit bei Piloten, gleich nach den Folgen verdorbenen Essens und noch vor plötzlichen Herzattacken.

          Techniker überprüfen das Rolls-Royce-Triebwerk „Trent 500”

          Die Lufthansa sagt, dass Öldämpfe nur „äußerst selten“ in die Kabine gelangten. Bis vor einem Jahr habe es aber eine „größere Fallzahl“ gegeben, die auf einen „zeitweiligen technischen Fehler“ eines Rolls-Royce-Triebwerks in Verbindung mit dem Langstreckenflugzeug Airbus A340-600 zurückzuführen sei. Durch technische Modifikation aller betroffenen Flugzeuge habe der Fehler eingestellt werden können, bestätigen Airbus-Mitarbeiter.

          Air Berlin berichtet von fünf Fällen in den vergangenen fünf Jahren - alle mit demselben Flugzeug, das auch auf dem abgebrochenen Flug von Düsseldorf nach Kreta zum Einsatz kam. Es sei, so eine Sprecherin, mittlerweile nicht mehr für die Airline im Einsatz.

          „Das Problem wird verdrängt“

          Handelt es sich hier um Einzelfälle oder doch um ein systemisches Risiko, bedingt durch Konstruktion und verwendete Materialien? „Das Problem wird von Fluggesellschaften und Flugzeugherstellern verdrängt“, sagt Jörg Handwerg von der Pilotenvereinigung Cockpit. „Optimal wäre es natürlich, komplett auf das Zapfluft-System zu verzichten und die Kabinenluft separat anzusaugen.“

          Ein solches System hat es zuletzt in der Frühzeit der Jet-Flugzeuge in den 1960er Jahren gegeben. Aufgrund seiner Effizienz setzte sich das Zapfluft-Prinzip durch und ist heute für alle kommerziellen Jets Standard. Erst der neue „Dreamliner“ des amerikanischen Flugzeugbauers Boeing saugt die Kabinenluft wieder über einen externen Lufteinlass ein und verzichtet auf Zapfluft. Er soll frühestens Ende des Jahres auf den Markt kommen.

          Können geeignete Filter Abhilfe schaffen?

          Die zweite Option, sagt Cockpit-Sprecher Handwerg, sei der Einbau eines geeigneten Filters zur Abwehr gefährlicher Dämpfe. Bisherige Filtersysteme sind zwar in der Lage, etwa Schmutz und Viren fernzuhalten. Bei den potentiell toxischen chemischen Verbindungen, die bei einer Verbrennung von Öl freigesetzt werden, sind sie allerdings weitgehend wirkungslos. Doch der Einbau besserer Filter würde auch die Effizienz der Triebwerke verringern, sie würden dann mehr Treibstoff verbrauchen und wären weniger leistungsfähig. „Doch die Airlines reagieren nicht darauf. Es kann nicht sein, daß man Menschen vergiftet, um Treibstoff zu sparen“, empört sich Handwerg.

          Diese Darstellung wollen Hersteller und Fluggesellschaften nicht akzeptieren. Lufthansa-Sprecher Michael Lamberty entgegnet: „Existierende Verfahren zur wirksamen Filterung der Bleed Air sind wegen des großen Drucks und der hohen Temperatur an Bord nicht einsetzbar, alternative Verfahren noch nicht auseichend erprobt.“ Und auch ein Airbus-Sprecher betont, es gebe derzeit keine Filtertechniken, die nicht andernorts wiederum neue Sicherheitslücken entstehen lassen würden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wirtschaft in Amerika : Trumps Sommer des Missvergnügens

          Signale eines Konjunktureinbruchs in Amerika machen Trump nervös. Die Wirtschaftslage könnte seine Wiederwahl 2020 gefährden. Die Reaktion des Präsidenten zeigt ein bekanntes Muster.
          Der gemeinnützige Verein Deutsches Tagebucharchiv e. V hat seinen Sitz in Emmendingen, einer Stadt im Südwesten Baden-Württembergs.

          Erinnerungen : Einblicke in die deutsche Seele

          Das Deutsche Tagebucharchiv sammelt Lebenserinnerungen und Briefe jeglicher Art – von ganz gewöhnlichen Menschen. Es sind faszinierende Dokumente,die die Vergangenheit spürbar machen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.