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Lipödem : Mehr als einfach dicke Beine

Mehr als der Schmerz quält die betroffenen Frauen oft die Stigmatisierung. Bild: Trias-Verlag

Gesundheitsminister Jens Spahn setzt sich für bessere Therapien bei Frauen mit Lipödem ein. Doch woran leiden diese Frauen eigentlich?

          Am schlimmsten war, sagt Isabel García, dass ihr keiner geglaubt hat. Die Ärzte nicht, die Freunde nicht, manchmal nicht einmal die Familie. Sie glaubten ihr nicht, dass sie sehr gesund aß. Dass sie an manchen Tagen erst vierzig Kilometer mit dem Rad fuhr, dann noch einmal vierzig Minuten joggen ging. Und sich am Ende abends vor dem Fernseher noch auf den Stepper stellte. Sie glaubten ihr nicht, dass sie sich jede Mahlzeit dreimal überlegte. Sie glaubten ihr nicht, denn es half ja doch nichts – Garcías Beine blieben dick. Seit sie dreizehn war, nahm sie hauptsächlich an den Beinen zu. Ihr Oberkörper blieb schlank. Und als sie 18 Jahre war, hatte sie obenrum Kleidergröße 36. An den Beinen: 46.

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Isabel García leidet am Lipödem, der Krankheit, die durch einen Vorstoß von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt ist. Spahn fordert, dass den knapp drei Millionen betroffenen Frauen schneller geholfen wird – und zwar mit einer Fettabsaugung. In Fachkreisen nennt sich das Liposuktion. Diese Maßnahme, die den betroffenen Frauen oft gut hilft, wird bisher allerdings nicht von den Krankenkassen übernommen.

          Schon bevor der Gesundheitsminister diese Therapiemaßnahme nun auf seine Agenda genommen hat, hatten viele betroffene Frauen gegen die Krankenkassen geklagt. Erst im April 2018 hatte eine Patientin prozessiert, um die insgesamt 11.364 Euro für drei entsprechende Operationen von ihrer Krankenkasse erstattet zu bekommen. Das Bundessozialgericht entschied in diesem Fall in letzter Instanz: Die Wirksamkeit der Methode sei nicht ausreichend gesichert, deshalb müssen die Kassen die Kosten nicht tragen.

          Spahn sieht das anders und will die Lipödem-Patientinnen nun unterstützen. Das Gesundheitsministerium hat einen Änderungsantrag zum Terminservice- und Versorgungsgesetz eingebracht, der noch vom Parlament beraten werden muss. Ziel ist, dass die Liposuktion per Rechtsverordnung Kassenleistung wird.

          Bis zu drei Millionen betroffene Frauen

          Ein Lipödem trifft in der Regel Frauen und zeichnet sich dadurch aus, dass gerade bei jungen Patientinnen der Oberkörper sehr schlank bleibt, aber die Beine völlig disproportional dick werden. Später bekommen die Frauen Ödeme, Wassereinlagerungen, neigen stark zu blauen Flecken und haben häufig starke Schmerzen. García bekam die Diagnose erst im Alter von 27 Jahren, nach 14 langen Jahren voller Diäten, übertriebener Sportprogramme – und schließlich auch Essstörungen. García hungerte, bis sie es nicht mehr aushielt oder wieder einen Spruch über ihre Beine zu hören bekam – dann stopfte sie Essen in sich hinein. Sie entwickelte eine Bulimie.

          „Bis zu drei Millionen Frauen mit krankhaften Fettverteilungsstörungen leiden täglich darunter, dass die Krankenkassen ihre Therapie nach einem Gerichtsurteil nicht bezahlen. Ihnen wollen wir schnell und unbürokratisch helfen.“ So zitiert die Website des Bundesgesundheitsministeriums den Minister. Wilfried Schmeller von der Hanse-Klinik Lübeck kann diese Zahlen nicht bestätigen: „In Deutschland kennen wir keine genauen Zahlen, auch weil es oft Mischformen gibt.“ Etwa durch eine Überlagerung mit Adipositas.

          Schmeller ist Gründer der Hanse-Klinik, die sich schwerpunktmäßig mit der Liposuktion bei Lipödem befasst. Spahn greife, so Schmeller, mit seinem Engagement dem Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) vor. Der G-BA bestimmt in Deutschland über den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung, also jene Therapien und Behandlungen, die von den Kassen getragen werden müssen. Im Fall des Lipödems will der Ausschuss mit einer großen wissenschaftlichen Studie überprüfen, welche Vor- und Nachteile die Liposuktion aufweist und welche Maßnahmen gegen das Lipödem künftig von Kassen übernommen werden sollen. Auf diese Studie wies auch das Bundessozialgericht im April 2018 hin, als es die Klage der Patientin abwies.

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