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Liebe unter Menschen mit Down-Syndrom : Sie saß auf der Wiese und flötete

Seit 25 Jahren sind Ines, 44, und Patrick, 43, ein Paar. Bild: Jan Roeder

Patrick und Ines sind ein Paar. Sie wollen heiraten, aber darüber entscheiden nicht sie selbst, sondern ihre gesetzlichen Betreuer. Von der Liebe unter Menschen mit Down-Syndrom.

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          Ines hat die falschen Schuhe an. Der Schnee sickert hinein, durchnässt ihre weißen Socken, die Kälte kriecht ihr Bein hinauf, das in einer Seidenstrumpfhose steckt. Darüber wölbt sich ein weiter brauner Lodenmantel und darüber eine orange leuchtende Warnweste mit reflektierenden Streifen. Damit ihr langes rosafarbenes Baumwollkleid nicht nass wird, zieht sie den Rocksaum mit einer Hand hinauf bis zwischen ihre Oberschenkel. Die andere Hand hat sie Patrick gegeben, sie ist kalt. „Ich mach' dir den Heizmann“, sagt er. Er trägt ebenfalls eine Warnweste über seiner Jacke. Auf beider Nasen sitzen Brillen mit selbsttönenden Gläsern, seine mit brauner Tönung, ihre mit blauer.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seit 25 Jahren sind Ines, 44, und Patrick, 43, ein Paar. Seit 17 Jahren leben sie gemeinsam mit sechs anderen Bewohnern in einem Zweifamilienhaus in Buchbach im Kreis Mühldorf am Inn. Das weiß verputzte Haus mit Garten in einer bürgerlichen Wohngegend ist eine der Außenwohngruppen der Lebensgemeinschaft Höhenberg, einer anthroposophischen und sozialtherapeutischen Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Ein weiteres Paar ist unter den acht Bewohnern, die alle ein Down-Syndrom haben, aber nur Ines und Patrick teilen sich im Gegensatz zu den anderen, die Einzelzimmer haben, ein Zimmer mit Doppelbett, zwei Schreibtischen und zwei Schränken. Das ist ihr Privileg, weil sie schon so lange zusammen sind, aber darüber möchte Patrick nicht sprechen. „Das darf ich nicht betonen, sonst werden die anderen eifersüchtig. Das heißt prahlen.“

          „Hier spielen sich Liebesdramen ab

          Zumindest einer ist unter den Mitbewohnern, der ihm seine Beziehung zu Ines neidet: Roland* ist Ines' Exfreund, davor war er mit Patricks Schwester zusammen, die ebenfalls ein Down-Syndrom hat und früher in der gleichen Einrichtung lebte wie Roland, Ines und Patrick. „Hier spielen sich genau solche Liebesdramen ab wie bei Menschen ohne Behinderung. Junge Menschen wechseln öfter mal den Partner, wie Gesunde auch“, weiß Gabriele Reismüller, die Betreuerin der Gruppe, eine fröhliche, herzliche und resolute Frau.

          Er liebt ihre Augen, sie seine Höflichkeit

          Ines ist sehr klein und sieht mit ihrem weiten Mantel fast aus wie ein mittelalterliches Burgfräulein. „Wenn sie sich die Haare färbt, dann schaut sie aus wie eine Prinzessin“, sagt Patrick, als er nach dem Spaziergang mit ihr auf der roten Tagesdecke des breiten Doppelbetts sitzt. „Ich liebe ihre schönen Augen, und wenn die Augen größer werden, sieht sie noch schöner aus.“ Das hört sie gerne, sie lächelt. „Ich mag seine Höflichkeit, er kuschelt auch oft mit mir, ich kaufe öfters mit ihm ein, nur zu zweit, das gefällt mir.“ Sie spricht schnell, ihre Stimme klingt rauh und ein wenig aufgeregt, während ihre dunklen Augen unruhig hin und her blicken. Patrick nimmt sie in den Arm, als wolle er sie beschützen. Um den Hals hängt ein Kreuz, am Armgelenk trägt er eine schwarze Uhr, beides sind Erbstücke seines verstorbenen Vaters, eines Psychoanalytikers und Psychotherapeuten.

          Beim zweiten Probewohnen „kam der erste Kuss“

          Verliebt habe er sich in Ines, als er in der Einrichtung, in der sie damals lebte, ein paar Tage zur Probe wohnte. „Sie saß auf der Wiese und flötete“, schwärmt er. „Woher kannst du so schön flöten?“, habe er sie gefragt. Und sie habe geantwortet: „Aus der Schule.“ Beim zweiten Probewohnen „kam der erste Kuss“, erzählt Patrick. Sie hätten sich verabredet, aber er habe Ines versetzt und sei stattdessen zum Trompetenunterricht gegangen. Da habe sie erst auf ihn gewartet, sei dann in den Unterrichtsraum gestürmt und habe „ihr spanisches Blut ausgelebt, so dass ich nicht mehr blasen konnte“. „Ich hab' ihm richtig eine gepustet“, berichtet Ines. „Ihre Tränen haben mein Herz getroffen“, präzisiert Patrick, „ich habe die Tür zugemacht und die Lehrerin rausgeschickt. Dann bin ich ihr in den Arm gefallen.“

          Die Liebe, sagt Gabriele Reismüller, ist für Menschen mit Down-Syndrom sehr wichtig: „Sie haben ein sehr ausgeprägtes Zärtlichkeits- und Berührungsbedürfnis.“ Nicht in jeder Einrichtung jedoch sind Paare gern gesehen. „Wo wir vorher gewohnt haben, war die Liebe verboten“, erzählt Patrick, „Paare durften nicht zusammen sein. Aber die Hauseltern waren zusammen, da wollten wir auch zusammen sein.“ Ines ergänzt etwas atemlos: „Ich musste durchs Fenster zu ihm kommen, es war ganz schwierig, aber ich musste es tun, und dann musste ich unters Bett kriechen und mich verstecken.“ - „Weil ich wusste, dass meine Frau eine Stauballergie hatte, habe ich vorher gesaugt“, merkt Patrick an. Seine Mutter sei gegen die Beziehung gewesen, „da habe ich ihr gesagt: ,Du warst doch auch in unseren Vater verliebt, oder?' Also. Da hat sie es mir gegönnt.“ Ines widerspricht: „Sie hat zu mir gesagt: ,Ihr beiden passt nicht zusammen.'“

          „Dieses Jahr wollen wir die Silberhochzeit feiern“

          Die Aufgabe der Betreuer sei es, die Paare so zu betreuen, „dass sie nicht schwanger werden“, erklärt Gabriele Reismüller. Oft werde mit einer Dreimonatspille verhütet. Weitere Vorschriften in Bezug auf das Paarverhalten gebe es nicht. Patrick und Ines wirken wie ein eingespieltes Ehepaar. „Dieses Jahr wollen wir die Silberhochzeit feiern“, sagt Patrick, „wir nennen es Gelöbnisverlobungsfreundschaftsfest.“ Ihr größter Wunsch ist es, tatsächlich einmal zu heiraten. Das geht, wenn ihre gesetzlichen Betreuer zustimmen. Das sind ihre Mutter und seine Zwillingsschwester mit seinem ältesten Bruder. Während Ines' Mutter nichts dagegen hätte, ist Patricks Familie reserviert. Der Vater habe ihm stets gesagt: „Hüte Ines, pflege sie, irgendwann erlaube ich dir die Ehe.“ Doch dann sei er gestorben. „Die Geschwister müssen sich zusammensetzen und entscheiden“, so Patrick.

          „Bei einer Beziehung zwischen geistig Behinderten kann man als Eltern viel schlechter loslassen, als wenn man gesunde Kinder hat“, erklärt Gabriele Reismüller. „Denn man gibt das Kind nicht an sich selbst, wenn es mit dem Partner zusammenzieht, sondern in eine Einrichtung.“ Dabei spürten Menschen mit Down-Syndrom oft genau, wer zu ihnen passe. „Ich habe früher Probleme gehabt und zu viel Geld ausgegeben, und durch sie, durch meine Geliebte, kann ich nun damit umgehen“, erzählt Patrick. Ines ergänzt stolz: „Wir dürfen unser Taschengeld jetzt behalten und selbst haushalten.“ Die kleine Schatulle, in der sie das Geld verwahren, steht auf einem Tisch, auf dem ein angefangenes Giraffen-Puzzle mit 500 Teilen liegt. Puzzeln ist eines von Ines' Hobbies, während Patrick sich für Fußball, Harry Potter, Autogramme und Visitenkarten interessiert. Das Zimmer hat er mit Fanartikeln des FC Bayern geschmückt.

          „Wer pfurzt geht bitte raus. Hand vor beim Rülpsen.“

          Im Wohn- und Esszimmer des Hauses ist die Zeit des Tanztees gekommen. Gabriele Reismüller legt eine CD mit Tangomusik ein. Einige Hausbewohner beginnen in Hüttenschuhen oder Birkenstocks zwischen der Couchgarnitur und dem Esstisch zu tanzen, immer im Kreis herum und vorbei an dem gerahmten Plakat, das an der Wand hängt und auf dem die von den Bewohnern selbst aufgestellten Essensregeln stehen: „Langsam essen und lange kauen. Weniger Käse und Wurst. Wer pfurzt (sic!) geht bitte raus. Hand vor beim Rülpsen.“ Die meisten der Tänzer haben einen Tangokurs gemacht und tanzen nicht schlecht.

          Patrick, Ines und Roland tanzen nicht. Sie sitzen auf dem Sofa, Ines in der Mitte. Sie kuschelt sich an Patrick, während sie Roland ansieht. Roland sagt: „Ich kenn' mich sehr gut aus mit Technik. Ich würd' euch gern noch mehr beibringen. Wann habt ihr Zeit, wann hab' ich Zeit? Bei mir gibt es ja auch oft ein Zeitproblem, wenn ich meine Frau besuche.“ Er hatte bis vor kurzem ebenfalls eine Beziehung zu einer Mitbewohnerin. Aber dann wurde seine Partnerin in eine andere Einrichtung verlegt, die näher am Wohnort der Mutter liegt. Seitdem versucht Roland, Ines' Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Patrick, dem das nicht entgeht, wendet sich an ihn: „Eine Frage, Roland. Bist du eifersüchtig?“ - „Gute Frage, nein.“ - „Dann gönn mir das bitte auch.“ - „Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“ Ines streicht Roland übers Knie. „Der Roland, das ist einer, gell. Der soll eifersüchtig sein?“ Sie lacht. Roland erklärt: „Ich hab' halt Probleme mit meiner Frau. Die ist weg. Vielleicht besuche ich sie am Samstag dort.“ Dann zieht Patrick Ines hoch und tanzt mit ihr. Roland sieht zu. Gabriele Reismüller berührt ihn an der Schulter: „Jetzt tanz doch auch, Roland.“ Er schüttelt den Kopf: „Ich hab' jetzt Schwierigkeiten mit Tanzen, weil ich keine Frau hab'.“

          Ines und Patrick haben schon eine Paarberatung mitgemacht

          Unter der Woche arbeiten Ines und Patrick in den Werkstätten. Ines wiegt in der „Biokiste“ Gemüse ab, Patrick schneidet Dochte in der Kerzenwerkstatt. „Ich mache da eine Lehre, ich bin lernfähig“, erzählt er stolz. In ihrer Freizeit werden beide musisch gefördert. Patrick macht einen Kurs „Kreatives Schreiben“ und spielt Kinderharfe, Ines spielt Flöte, ist in der Bewohnervertretung, geht tanzen und schwimmen und beginnt demnächst mit afrikanischem Trommeln. Die Kursgebühren zahlen sie von ihrem Arbeitslohn.

          „Die Förderung darf nie nachlassen“, sagt Gabriele Reismüller, „sonst schlafen die Fähigkeiten wieder ein.“ Das gelte etwa auch für das Verhalten im Straßenverkehr, die Ernährung, die Körperpflege. Auch die Paarbeziehung ist Thema der Weiterbildung. In einer Frauengruppe wird über Liebe und Sexualität geredet. Ines und Patrick haben schon eine Paarberatung mitgemacht und, so Patrick, „so viel gelernt, dass wir nur abends Zeit hatten, einkaufen zu gehen, weil die Sitzungen so lange gingen“. Sie haben gelernt, dass „die Ehe nicht aus ist, wenn man streitet“. Dass „die Frau auch was zu sagen hat und nicht nur der Mann alleine“. Roland, der in Beziehungsfragen ebenfalls weitergebildet ist, fügt hinzu: „Und dass man vorher, am Anfang, eine Massage macht.“ Dann geht er hinaus. Er will ein Gedicht holen, das er für Ines geschrieben hat. Beim Hinausgehen murmelt er: „Ich war der Erste, Helmut war der Zweite, Patrick ist der Dritte, der ist besser.“ Gabriele Reismüller flüstert lächelnd: „Wir werden wieder wochenlang an der Gruppenharmonie arbeiten müssen.“

          Dann kommt Roland zurück und trägt das Gedicht vor: „Hast du einen Mann genommen, gib ihn nicht mehr her, gib ihn nicht mehr her, sonst muss ich die Mutter holen und die schimpft dann sehr.“ Patrick sagt: „Ich kenne Roland nur als Neider, aber er wird das nicht gerne zugeben.“ Er sieht ganz zufrieden dabei aus.

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