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Liebe unter Menschen mit Down-Syndrom : Sie saß auf der Wiese und flötete

Patrick, Ines und Roland tanzen nicht. Sie sitzen auf dem Sofa, Ines in der Mitte. Sie kuschelt sich an Patrick, während sie Roland ansieht. Roland sagt: „Ich kenn' mich sehr gut aus mit Technik. Ich würd' euch gern noch mehr beibringen. Wann habt ihr Zeit, wann hab' ich Zeit? Bei mir gibt es ja auch oft ein Zeitproblem, wenn ich meine Frau besuche.“ Er hatte bis vor kurzem ebenfalls eine Beziehung zu einer Mitbewohnerin. Aber dann wurde seine Partnerin in eine andere Einrichtung verlegt, die näher am Wohnort der Mutter liegt. Seitdem versucht Roland, Ines' Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Patrick, dem das nicht entgeht, wendet sich an ihn: „Eine Frage, Roland. Bist du eifersüchtig?“ - „Gute Frage, nein.“ - „Dann gönn mir das bitte auch.“ - „Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“ Ines streicht Roland übers Knie. „Der Roland, das ist einer, gell. Der soll eifersüchtig sein?“ Sie lacht. Roland erklärt: „Ich hab' halt Probleme mit meiner Frau. Die ist weg. Vielleicht besuche ich sie am Samstag dort.“ Dann zieht Patrick Ines hoch und tanzt mit ihr. Roland sieht zu. Gabriele Reismüller berührt ihn an der Schulter: „Jetzt tanz doch auch, Roland.“ Er schüttelt den Kopf: „Ich hab' jetzt Schwierigkeiten mit Tanzen, weil ich keine Frau hab'.“

Ines und Patrick haben schon eine Paarberatung mitgemacht

Unter der Woche arbeiten Ines und Patrick in den Werkstätten. Ines wiegt in der „Biokiste“ Gemüse ab, Patrick schneidet Dochte in der Kerzenwerkstatt. „Ich mache da eine Lehre, ich bin lernfähig“, erzählt er stolz. In ihrer Freizeit werden beide musisch gefördert. Patrick macht einen Kurs „Kreatives Schreiben“ und spielt Kinderharfe, Ines spielt Flöte, ist in der Bewohnervertretung, geht tanzen und schwimmen und beginnt demnächst mit afrikanischem Trommeln. Die Kursgebühren zahlen sie von ihrem Arbeitslohn.

„Die Förderung darf nie nachlassen“, sagt Gabriele Reismüller, „sonst schlafen die Fähigkeiten wieder ein.“ Das gelte etwa auch für das Verhalten im Straßenverkehr, die Ernährung, die Körperpflege. Auch die Paarbeziehung ist Thema der Weiterbildung. In einer Frauengruppe wird über Liebe und Sexualität geredet. Ines und Patrick haben schon eine Paarberatung mitgemacht und, so Patrick, „so viel gelernt, dass wir nur abends Zeit hatten, einkaufen zu gehen, weil die Sitzungen so lange gingen“. Sie haben gelernt, dass „die Ehe nicht aus ist, wenn man streitet“. Dass „die Frau auch was zu sagen hat und nicht nur der Mann alleine“. Roland, der in Beziehungsfragen ebenfalls weitergebildet ist, fügt hinzu: „Und dass man vorher, am Anfang, eine Massage macht.“ Dann geht er hinaus. Er will ein Gedicht holen, das er für Ines geschrieben hat. Beim Hinausgehen murmelt er: „Ich war der Erste, Helmut war der Zweite, Patrick ist der Dritte, der ist besser.“ Gabriele Reismüller flüstert lächelnd: „Wir werden wieder wochenlang an der Gruppenharmonie arbeiten müssen.“

Dann kommt Roland zurück und trägt das Gedicht vor: „Hast du einen Mann genommen, gib ihn nicht mehr her, gib ihn nicht mehr her, sonst muss ich die Mutter holen und die schimpft dann sehr.“ Patrick sagt: „Ich kenne Roland nur als Neider, aber er wird das nicht gerne zugeben.“ Er sieht ganz zufrieden dabei aus.

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