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Liebe unter Menschen mit Down-Syndrom : Sie saß auf der Wiese und flötete

Die Liebe, sagt Gabriele Reismüller, ist für Menschen mit Down-Syndrom sehr wichtig: „Sie haben ein sehr ausgeprägtes Zärtlichkeits- und Berührungsbedürfnis.“ Nicht in jeder Einrichtung jedoch sind Paare gern gesehen. „Wo wir vorher gewohnt haben, war die Liebe verboten“, erzählt Patrick, „Paare durften nicht zusammen sein. Aber die Hauseltern waren zusammen, da wollten wir auch zusammen sein.“ Ines ergänzt etwas atemlos: „Ich musste durchs Fenster zu ihm kommen, es war ganz schwierig, aber ich musste es tun, und dann musste ich unters Bett kriechen und mich verstecken.“ - „Weil ich wusste, dass meine Frau eine Stauballergie hatte, habe ich vorher gesaugt“, merkt Patrick an. Seine Mutter sei gegen die Beziehung gewesen, „da habe ich ihr gesagt: ,Du warst doch auch in unseren Vater verliebt, oder?' Also. Da hat sie es mir gegönnt.“ Ines widerspricht: „Sie hat zu mir gesagt: ,Ihr beiden passt nicht zusammen.'“

„Dieses Jahr wollen wir die Silberhochzeit feiern“

Die Aufgabe der Betreuer sei es, die Paare so zu betreuen, „dass sie nicht schwanger werden“, erklärt Gabriele Reismüller. Oft werde mit einer Dreimonatspille verhütet. Weitere Vorschriften in Bezug auf das Paarverhalten gebe es nicht. Patrick und Ines wirken wie ein eingespieltes Ehepaar. „Dieses Jahr wollen wir die Silberhochzeit feiern“, sagt Patrick, „wir nennen es Gelöbnisverlobungsfreundschaftsfest.“ Ihr größter Wunsch ist es, tatsächlich einmal zu heiraten. Das geht, wenn ihre gesetzlichen Betreuer zustimmen. Das sind ihre Mutter und seine Zwillingsschwester mit seinem ältesten Bruder. Während Ines' Mutter nichts dagegen hätte, ist Patricks Familie reserviert. Der Vater habe ihm stets gesagt: „Hüte Ines, pflege sie, irgendwann erlaube ich dir die Ehe.“ Doch dann sei er gestorben. „Die Geschwister müssen sich zusammensetzen und entscheiden“, so Patrick.

„Bei einer Beziehung zwischen geistig Behinderten kann man als Eltern viel schlechter loslassen, als wenn man gesunde Kinder hat“, erklärt Gabriele Reismüller. „Denn man gibt das Kind nicht an sich selbst, wenn es mit dem Partner zusammenzieht, sondern in eine Einrichtung.“ Dabei spürten Menschen mit Down-Syndrom oft genau, wer zu ihnen passe. „Ich habe früher Probleme gehabt und zu viel Geld ausgegeben, und durch sie, durch meine Geliebte, kann ich nun damit umgehen“, erzählt Patrick. Ines ergänzt stolz: „Wir dürfen unser Taschengeld jetzt behalten und selbst haushalten.“ Die kleine Schatulle, in der sie das Geld verwahren, steht auf einem Tisch, auf dem ein angefangenes Giraffen-Puzzle mit 500 Teilen liegt. Puzzeln ist eines von Ines' Hobbies, während Patrick sich für Fußball, Harry Potter, Autogramme und Visitenkarten interessiert. Das Zimmer hat er mit Fanartikeln des FC Bayern geschmückt.

„Wer pfurzt geht bitte raus. Hand vor beim Rülpsen.“

Im Wohn- und Esszimmer des Hauses ist die Zeit des Tanztees gekommen. Gabriele Reismüller legt eine CD mit Tangomusik ein. Einige Hausbewohner beginnen in Hüttenschuhen oder Birkenstocks zwischen der Couchgarnitur und dem Esstisch zu tanzen, immer im Kreis herum und vorbei an dem gerahmten Plakat, das an der Wand hängt und auf dem die von den Bewohnern selbst aufgestellten Essensregeln stehen: „Langsam essen und lange kauen. Weniger Käse und Wurst. Wer pfurzt (sic!) geht bitte raus. Hand vor beim Rülpsen.“ Die meisten der Tänzer haben einen Tangokurs gemacht und tanzen nicht schlecht.

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