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Lebensmittelskandal : Fleischhandel im Hotelzimmer

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Kann ein Fleischhandel ein Ein-Mann-Betrieb sein - ohne Lagerstätten und Kühlhaus? Die Geschäftspraktiken der Firma Domenz, die im Zentrum des aktuellen Skandals steht, nähren den Verdacht, daß im deutschen Fleischhandel zum Teil mafiöse Strukturen existieren.

          Nordrhein-Westfalens Verbraucherschutzminister Uhlenberg (CDU) spricht vor dem Umweltausschuß des Landtages von "dubiosen Machenschaften", die bei dem Fleischskandal von Gelsenkirchen zu Tage getreten seien. Drei Wochen nach den ersten Feststellungen ist noch manches ungeklärt in diesem Fall. Dubios ist zum Beispiel die Fleischhandelsfirma Domenz in Gelsenkirchen. Es ist offenbar ein Ein-Mann-Unternehmen ohne Mitarbeiter und eigene Kühl- oder Verarbeitungsräume.

          Der 39 Jahre alte Firmeninhaber führt seine Geschäfte von einem Gelsenkirchener Hotelzimmer aus. Er handelt mit Fleisch, so haben die Ermittler herausgefunden, und zwar quer durch die Republik. Das Fleisch kommt aus Deutschland, aus Europa oder gar aus Brasilien und wird in verschiedenen Kühlhäusern gelagert.

          „Fleischbörse“ ohne Kühlräume

          Da wurde zum Beispiel in Baden-Württemberg an einer "Fleischbörse", die auch keine eigenen Kühlräume besitzt, eingekauft und in Melle in Niedersachsen eingelagert. Daß diese Fleischbörse auch mit "Kategorie 3 Materialien", also mit Schlachtabfällen handelt, ist in diesem Fall nur ein unappetitliches Apercu. Aus Schleswig-Holstein hat Domenz dänisches Putenhackfleisch bezogen. Dazu war in einem Begleitschreiben immerhin vermerkt, daß die Ware kein Mindesthaltbarkeitsdatum mehr habe und von Menschen nicht verzehrt werden dürfe. Allerdings fehlten die entsprechenden Handelspapiere. Deshalb befaßt sich jetzt auch die Staatsanwaltschaft in Kiel damit.

          Die Lebensmittelüberwachung in Gelsenkirchen teilte inzwischen mit, daß alle Proben aus dem Fleisch der Firma Domenz nicht für den Verzehr geeignet gewesen seien. Es wurden Überlagerung, Frostbrand sowie Geruchs- und Geschmacksabweichungen festgestellt. Insgesamt, so der bisherige Erkenntnisstand, habe der Fleischhändler in diesem Jahr 38 Tonnen Fleisch an vier Gelsenkirchener Betriebe geliefert. Allein einer hat 30 Tonnen abgenommen, davon zehn Tonnen Putenhackfleich, das vermutlich zu Bratwürsten verarbeitet wurde. Eine jüngste Charge von 676 Kilogramm, die zu 2550 Kilogramm Bratwürste verarbeitet wurde, konnte noch vor der Auslieferung sichergestellt werden.

          Metzgereien werben: Kein Domenz-Fleisch

          Über den Zustand des Fleisches, das nicht mehr sichergestellt werden konnte, lassen sich auch keine Aussagen machen. Von 6,7 Tonnen Putenhackfleisch konnten in einem anderen Betrieb 700 Kilogramm sichergestellt werden. Von 500 Kilogramm in einem weiteren Betrieb waren noch 50 Kilogramm übrig. Der vierte Betrieb hat selbst bemerkt, daß das Fleisch nicht in Ordnung ist und hat es aussortiert. In Gelsenkirchen fürchten die Metzger, generell in Verruf zu geraten. Etliche versuchen mit Unbedenklichkeitsbescheinigungen, in denen steht, daß sie kein Fleisch von Domenz gekaut haben, das Vertrauen der Kunden zu bewahren.

          Während Landwirtschaftsminister Uhlenberg noch von "einigen schwarzen Schafen" spricht, sprechen andere von "mafiösen Strukturen". Der Hauptgeschäftsführer des Westfälisch-Lippischen Bauernverbandes, Gehring, sagte in einer Sendung des WDR über den Geschäftsablauf: "Die versuchen, kurz bevor Fleisch entwertet werden muß, also hochwertig entsorgt werden muß, was teuer ist, das möglichst noch auf den Markt zu bringen, um dann noch einen schnellen Euro zu verdienen." Das sei kriminell. Uhlenberg legte vor dem Umweltausschuß dar, daß es "keine rechtliche Vorschrift gibt, Mindesthaltbarkeitsdaten für tiefgefrorene Waren festzulegen".

          Nun will die Politik handeln. Derzeit werden alle Kühlhäuser in Nordrhein-Westfalen nach alten Lagerbeständen durchsucht. Dann soll der Informationsaustausch verbessert werden. Schließlich sollen die Untersuchungsämter besser organisiert werden. Außerdem will Uhlenberg prüfen, ob der Strafrahmen zur Abschreckung noch ausreicht.

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