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Lebensmittelbuch : Dein Name sei Schinkenbrot

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„Bei Schinkenbrot ist ein Zusatz von Schinken nicht üblich.” Täuschend? Nein, denn bei Bauernbrot ist ein Zusatz von Bauer auch nicht üblich Bild: AP

Lebensmittel-Bezeichnungen wie „Formschinken“ lösen regelmäßig öffentliche Empörung aus, aber warum eigentlich? Das Lebensmittelbuch regelt, wie ein Produkt heißen darf und was drin sein muss. Es entsteht ganz demokratisch unter Beteiligung von Verbraucherschützern.

          Ob Fruchtcremefüllung ohne Früchte, Heringssalat mit Rindfleisch, oder Schinkenbrot ohne Schinken: Bei Lebensmitteln ist manchmal mehr drin, als man wissen möchte, manchmal weniger, als die Verpackung erwarten lässt. Wie ein Produkt heißen darf, was drin sein muss und wie es hergestellt wird, beschreiben die Leitsätze des deutschen Lebensmittelbuchs. Das vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz herausgegebene Kompendium soll Verbraucher vor Täuschung schützen. Ein Beispiel: „Schinkenbrot weist einen herzhaft-aromatischen Geschmack auf. Ein Zusatz von Schinken ist nicht üblich.“ Wer als Verbraucher bei Schinkenbrot an ein Brot mit Schinken denkt, hat demnach ein unübliches Verständnis. Aber wird er damit auch getäuscht?

          Die Leiterin der Lebensmittelbuch-Kommission, Birgit Rehlender, erklärt, warum das nicht der Fall ist: „Bei einem Bauernbrot erwarten sie in dem Brot auch keinen Bauern. Es geht um den Zweck: Ein Bauer wird so ein deftiges Brot mögen.“ Im Fall des Schinkenbrots sei es also eher so, dass das Brot gut zu Schinken passt.

          „Der Verbraucher sollte sich hin und wieder sachkundig machen“

          Das Lebensmittelbuch ist in der Öffentlichkeit kaum bekannt und seine Leitsätze sind keine Rechtsnormen - dennoch ist ihre Bedeutung nicht zu unterschätzen, denn sie haben den Charakter eines Sachverständigengutachtens: Wenn vor Gericht entschieden werden soll, ob ein Hersteller mit einer Produktbezeichnung betrügt, überprüft das ein Richter, indem er im Lebensmittelbuch nach der dortigen Verkehrsauffassung schaut. „Wenn dort steht, dass bei Schinkenbrot Schinken nicht üblich ist, wird das Gericht kaum entscheiden, dass es sich um Verbrauchertäuschung handelt“, sagt foodwatch-Sprecher Martin Rücker. Damit gewinnen die Leitsätze einen normativen Charakter. Umso mehr verwundere es, wenn sich die Verbraucherschutzministerin bei der Klebefleisch-Debatte an die Spitze der Empörungswelle stelle, wo doch die Leitsätze dazu in einer Kommission ihres Ministeriums beschlossen werden.

          Fleischsalat mit Speiseöl zubereitet: Wurstanteil mindestens 50 Prozent. Mit Mayonnaise zubereitet: mindestens 25 Prozent

          „Wir erfinden nichts, wir beschreiben den redlichen Handelsbrauch und die Herstellungspraxis“, sagt Rehlender. Wer erwarte, dass grüne Klöße grün sind, könne sich auch getäuscht fühlen, aber so sei es eben mit regionalen, gewachsenen Bezeichnungen. Auch eine Bezeichnung wie „Formfleischvorderschinken“ sei keine Täuschung des Verbrauchers, sondern lediglich eine Beschreibung der Herstellungspraxis. „Der Verbraucher sollte sich hin und wieder sachkundig machen und nicht so blauäugig durch die Welt laufen, als würden Produkte noch wie bei der Großmutter zu Hause hergestellt.“ Rehlender ist auch Leiterin des Fachbereichs „Food“ der Stiftung Warentest in Berlin.

          Verschwiegenheit und Einstimmigkeit

          Die Leitsätze des Lebensmittelbuchs werden von einer zweiunddreißigköpfigen Kommission beschlossen. Jedes Mitglied muss eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben. Die Kommission besteht aus je acht Vertretern der Lebensmittelüberwachung, der Wissenschaft, der Verbraucher und der Lebensmittelwirtschaft. Leitsätze werden grundsätzlich einstimmig beschlossen. Verschwiegenheit und Einstimmigkeit? Die Grünen-Abgeordnete Ulrike Höfken sieht darin einen Konstruktionsfehler: „Es kann kein Vorschlag durchkommen, wenn die Wirtschaft dagegen ist. Man muss sich immer auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen.“

          Kann unter diesen Voraussetzungen ein Lebensmittelbuch seinen Zweck erfüllen und vor Täuschung schützen? „Ganz deutlich: ja.“, sagt Birgit Rehlender, denn „wenn man weiß, wie etwas gekennzeichnet wird, kann man sich mit diesem Wissen schlechter täuschen lassen.“ Wenn es in Deutschland unüblich sei, Schinkenbrot Schinken hinzuzufügen, stehe das in den Leitsätzen. „Der Verbraucher ist in der Pflicht, sich die Leitsätze anzugucken, dafür gibt es das Lebensmittelbuch.“

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