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Galle als unterschätztes Organ : Großreinemachen im Körper

  • -Aktualisiert am

Die Galle: Auch ein Auslöser für menschliche Emotionen Bild: Valentine Edelmann

Täglich verarbeitet die Gallenblase bis zu einem Liter Gallenflüssigkeit. Trotzdem hält die Schulmedizin sie für verzichtbar. Dabei soll das Organ auch für einen Teil unserer Emotionen verantwortlich sein.

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          Wenn nichts mehr geht, gibt’s eine ordentliche Portion Rührei zum Frühstück und danach noch Schokolade - auf ärztliche Anordnung. Diese fettreiche Kost ist eine Art Reiztherapie für eine vergrößerte Gallenblase, die im Verdacht steht, ihren Dienst eingestellt zu haben. Wird sie wenigstens auf diese Henkersmahlzeit noch reagieren und Gallenflüssigkeit zur Fettverdauung in den Dünndarm abgeben? „Wenn der Patient zwei Stunden später in die Praxis kommt und das ist nicht der Fall, wissen wir, die tut nichts mehr“, sagt die Ärztin Dagmar Mainz aus Saarlouis. In der Regel wird die Gastroenterologin dann empfehlen, das Organ entfernen zu lassen - eine Routineoperation, die mit rund 190.000 Operationen im Jahr zu den häufigsten Eingriffen in Deutschland gehört. Große Schnitte am Bauch sind dazu schon lange nicht mehr nötig. Gallenblasen-OPs sind Klassiker unter den minimalinvasiven Eingriffen.

          Und tatsächlich kann man auch ohne Gallenblase, die Gallenflüssigkeit speichert, gut leben, wie Mainz erklärt: „Die Gallenflüssigkeit entleert sich dann direkt in den Darm, was bei manchen Menschen Durchfall verursacht. Aber meist passt sich die Verdauung an, wenn man nicht mehr ganz so fettig isst.“

          Angeblich ist das acht Zentimeter lange und vier Zentimeter breite Säckchen unterhalb der Leber im rechten Oberbauch ein Relikt aus der Zeit, als wir noch Höhlen bewohnten, Mammuts und Riesenhirsche erlegten. War die Beute erst zubereitet, brauchte der Körper wegen der ungewohnt großen Fettmenge im Fleisch schnell eine Verdauungshilfe - und die kam aus der Vorratskammer Gallenblase. Da wir heute aber nicht mehr darauf warten müssen, bei der Jagd erfolgreich zu sein, sondern mehrmals am Tag essen, ist ein Speichern der Galle für uns Menschen eigentlich nicht mehr nötig. Etwas Gallenflüssigkeit ist immer vorhanden, um Nahrung zu verarbeiten.

          Frauen neigen doppelt so oft zur Bildung von Gallensteinen

          Unablässig stellt die Leber aus Wasser, Gallensalzen, Cholesterin und Phospholipiden wie Lecithin „Galle“ her, die aus kleinen Lebergängen in den linken und rechten Gallengang fließt, von dort in den Lebergallengang, weiter in den Gallenblasengang und in die Gallenblase. „Kommt dann Nahrung aus dem Magen im Zwölffingerdarm an“, erklärt Mainz, „teilen Enzyme und Hormone der Gallenblase mit: ,So, hier gibt’s was Fettiges, zieh dich zusammen!‘“ Über diese Kontraktion entlässt die Gallenblase ihren Inhalt, um den Speisebrei weiter zu zersetzen. Es ist ein hochwirksames Konzentrat, denn die Leber produziert bis zu einem Liter Gallenflüssigkeit am Tag, und die Gallenblase, die für diese Menge zu klein ist, dickt sie etwa auf ein Zehntel ein. Und das ein Leben lang. Theoretisch. Da wir nicht mehr so viel zu Fuß unterwegs sind wie unsere Vorfahren in der Steinzeit oder zu viel, zu oft und zu fett essen, kann die Gallenflüssigkeit ins Stocken kommen und dadurch Beschwerden verursachen: „Zu wenig Bewegung, starkes Übergewicht und eine zu cholesterinhaltige, ballaststoffarme Ernährung mit zu vielen gesättigten Fettsäuren etwa in Fastfood begünstigen die Bildung von Gallensteinen“, sagt Mainz.

          Die meisten dieser Verhärtungen bilden sich aufgrund von einem Übermaß an Cholesterin, das in der Gallenblase kristallisiert. Aber auch „starke Gewichtsabnahme mit Jojo-Effekten“ können die Ursache sein: Wer dauerhaft bei Diäten hungert und mehr als sieben Kilo im Monat verliert, hindere seine Gallenblase daran, ihrer Arbeit nachzugehen. Auch hier regelt das Angebot (fetthaltige Nahrung) die Nachfrage (Gallenflüssigkeit). Es kommt auch immer wieder dazu, dass eine Schwangerschaft Gallensteine hervorruft. Der in dieser Zeit veränderte Wert des Hormons Progesteron führe manchmal dazu, dass die Gallenblase nicht mehr richtig aktiv sei. Generell neigten Frauen mehr zu Gallensteinen und bildeten sie doppelt so häufig aus wie Männer - wohl aufgrund ihrer Hormone, wie Ärztin Mainz vermutet.

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