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Galle als unterschätztes Organ : Großreinemachen im Körper

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2004 berichtete das britische Naturwissenschaftsmagazin „Proceedings B of The Royal Society“ über eine Studie mit Grünflossenbuntbarschen, wonach „soziale Unterordnung“ das entscheidende Kriterium dafür sein könne, eine vergrößerte Gallenblase zu entwickeln. Weil sich diese aufgrund des damit einhergehenden Stresses nicht entleere, könnten die betroffenen Tiere energiereiches Futter schlechter in Körpermasse umwandeln. Diese Ergebnisse, so schreiben die Forscher, „haben Parallelen in Veränderungen der Gallenblasenfunktion, die der Bildung von Gallensteinen bei Menschen vorausgeht“. Insofern, schließt der Artikel, könnte sozialer Stress ein wichtiges Diagnosekriterium dafür sein, Erkrankungen der Gallenblase zu verstehen - wie es die Traditionelle Chinesische Medizin seit Jahrtausenden tut.

Keine Trennung zwischen Körper und Seele

Die TCM trennt nicht zwischen Körper und Seele, zwischen Organen und Emotionen. Diese entsprechen einander und beeinflussen sich gegenseitig. Den sogenannten „Funktionskreisen von Leber und Gallenblase“ sind in der TCM ebenfalls Gefühle wie Wut, Ärger und Frust zugeordnet. Zugleich werden sie auch als Fluss von Energie in den Leitbahnen, den „Meridianen“, verstanden und haben umfassendere Aufgaben: Die Leber gilt als „Heeresführer“, der umsichtig Pläne entwirft. Die Gallenblase ist der „aufrichtige Beamte“, der sie in die Tat umsetzt.

„In der TCM heißt es, ein Mensch hat eine ,große Gallenblase‘, wenn er Mut beweist und auch schwierige Entscheidungen treffen kann“, sagt Stefan Hager, ärztlicher Direktor der TCM-Klinik Bad Kötzting. „Hingegen hat jemand eine ,kleine Gallenblase‘, wenn er eher ängstlich und furchtsam ist“, ergänzt der Mediziner, „das sind oft auch Perfektionisten, die ständig zögern und vor lauter Planen und aus Angst, einen Fehler zu machen, nicht ins Handeln kommen. Oder aber Menschen, die sich nicht trauen, sich abzugrenzen.“

Daher kontrolliert der Funktionskreis Gallenblase die Urteilskraft und Entscheidungsfreude. „Die Leber steht auch für den Bereich, in dem die Lebenspläne geschmiedet werden, für deren Verwirklichung die Gallenblase gebraucht wird“, sagt Hager. Ihren Funktionskreisen entspricht auch die Jahreszeit Frühling, wenn neues Wachstum beginnt und frische Triebe sprießen. Wer das Gefühl hat, keine solche Aufbruchszeit zu erleben, kann schneller entmutigt sein.

„Viele Menschen“, sagt Hager, „sind heutzutage frustriert, etwa durch Probleme in Beziehungen oder im Job.“ Wer sich dann damit nicht arrangieren könne, werde unzufrieden und, wenn er daran nichts ändere (wozu die Entschlusskraft der Gallenblase benötigt wird), schließlich krank. Überhaupt neigten wir in unserer modernen Gesellschaft zu hoher Anspannung: „Wir haben eine zu hohe Taktung und wollen alles perfekt machen, da entspannt man oft nicht mehr und staut schneller.“ Allein schon, sich mehr als fünf Minuten zu verspäten, führe in Deutschland oft zu Stress - bei dem, der nicht pünktlich ist, und bei dem, der wartet. „Für alltägliche Situationen wie diese lernen unsere Patienten die tiefe Bauchatmung“, sagt Hager, „innerhalb von Minuten kann man damit entspannen.“

„Psychotherapie kann das Gallen-Qi stärken“

Vor allem chronisch Kranke werden in der Klinik im Bayerischen Wald behandelt, die seit 1991 mit Ärzten der TCM-Universität Peking zusammenarbeitet. Vor fünf Jahren kamen zu Akupunktur und Kräuterheilkunde westliche psychologische Konzepte hinzu. Seither ist das Krankenhaus auch eine Fachklinik für Psychosomatik und Psychotherapie. Über sich, seine Gedanken und Gefühle zu sprechen mache einem bewusst, wo man sich mit Überzeugungen selbst im Weg steht. „Psychotherapie kann das Gallen-Qi stärken“, so Hager. Die Menschen lernten, sich an Dinge heranzutrauen: „Wenn’s schiefgeht, macht das nichts, aber oft klappt es sogar besser als gedacht.“

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„Wir möchten den Menschen etwas mitgeben, dass sie selbst dauerhaft etwas verändern können“, sagt Hager. Dazu gehörten Tai-Chi- und Qi-Gong-Übungen. Allerdings gehört wiederum Entschlossenheit dazu, hierfür jeden Tag etwas eher aufzustehen.

Dass wir in unserem Alltag vieles nicht unterbekommen, das wir uns für unsere Fitness, Entspannung und Gesundheit vorgenommen haben, kennt jeder. Die meisten von uns können dieses Unvermögen nur nicht auf eine (vorübergehend) „kleine Galle“ schieben, sondern nennen es anders: unseren „inneren Schweinehund“.

Zur Serie „Die Unterschätzten“

Das System Mensch hat so viel mehr zu bieten als Lunge, Darm und Herz. Scharenweise finden sich in unserem Körper Organe und Strukturen, die im Schatten der großen kaum Anerkennung für ihren täglichen Dienst erhalten. Dabei tragen sie zu unserem Wohlbefinden und Dasein immens bei. Mit der Serie „Die Unterschätzten“ schenken wir ihnen einmal im Monat die Aufmerksamkeit, die sie sonst bestenfalls dann bekommen, wenn sie uns Schmerzen bereiten oder nicht mehr reibungslos funktionieren.

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