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Leben in Städten : Eine toxische Mischung

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Stadtstress, glaubt Mediziner Adli, sei die „toxische Mischung aus sozialer Dichte und sozialer Isolation“. Aber keiner weiß genau, welche Einflüsse des Großstadtdaseins für die Psyche schädlich sind. Lärm? Die Nivellierung von Tag und Nacht durch künstliches Licht? Ein Mangel an Grün und frischer Luft? Oder geht es vielmehr um soziale Phänomene wie Armut, Diskriminierung und Gewalt, wie Andreas Heinz vermutet? „Es liegt nicht an den Städten per se“, sagt der Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité. „Meines Erachtens kommt es darauf an, was in der Stadt passiert.“ Das lasse sich zum Beispiel mit Untersuchungen karibischer Einwanderer in London untermauern: Besonders stark erhöht waren die Schizophrenie-Raten in den besseren Quartieren der Stadt, wo dunkelhäutige Zuwanderer stärker auffielen und nicht auf ein Netzwerk aus Landsleuten zählen konnten.

Ginge es nach Andreas Meyer-Lindenberg, dem Direktor des Mannheimer Zentralinstituts für Seelische Gesundheit, er würde alle erdenklichen Stressoren kartographieren lassen. Er würde 600 Probanden eine Woche lang mit speziell konstruierten Smartphones ausstatten, er würde ihre Wege durch die Region verfolgen und an wechselnden Aufenthaltsorten von ihnen verlangen, kurze Fragebögen zu ihrem Befinden auszufüllen. Mit Hilfe der Spezialkarten würde er dann bestimmen wollen, welche Faktoren den individuellen Stresspegel beeinflussen. Die technischen Voraussetzungen für das 1,5-Millionen-Euro-Projekt hat Meyer-Lindenberg mit Hilfe von Wissenschaftlern aus Karlsruhe und Heidelberg geschaffen. Allein, es fehlt am Geld.

Die romantische Verklärung des Landlebens hilft wenig

Das Haus ist alt, das Grundstück riesig: Die Therapeutin lebt inzwischen vor den Toren Berlins. Die Sechsunddreißigjährige wollte es nicht so weit kommen lassen wie ihr Vater, der sich nach vierzig Jahren Hauptstadt mit einem Tinnitus in die Uckermark zurückgezogen hatte. Sie fuhr nicht mehr gerne U-Bahn und sehnte sich nach einem reduzierten Leben. „So ’ne Fülle an Gesichtern brauchte ich nicht mehr“, sagt sie. Dann hatte ihr Zehnjähriger einen schweren Fahrradunfall, und die Familie zog aufs Land. Ihr jüngerer Sohn, ein aufgedrehtes Kind, schläft abends seither besser ein. Der Große hat zwar einen weiten Schulweg, aber der Verkehr macht ihm weniger Angst. Und die Therapeutin spürt den Unterschied, wann immer sie in Berlin zu tun hat: Dann kriegt sie Kopfschmerzen, wird nervös und sinkt abends wie erschlagen ins Bett.

Aus psychiatrischer Sicht scheint der Impuls vieler Familien, mit ihren Kindern ins Grüne zu ziehen, eine gute Idee: Man hat ausgerechnet, dass die Zahl der Schizophrenien um ein Drittel niedriger läge, wenn alle Menschen auf dem Land geboren wären. Aber kann es darum gehen, das Rad der Geschichte zurückzudrehen? Die romantische Verklärung des Landlebens hilft so wenig wie die Verdammung des Molochs Stadt: Der Soziologe Georg Simmel hat schon zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts die Ambivalenz des Großstadtdaseins beschrieben und erkannt, dass Anonymität auch Befreiung sein kann. Der Immobilienmakler, der seine Depression überstanden hat, ist heute seltener, aber wieder gern in Berlin: „So eine Stadt gibt ja auch viel Energie“, sagt er.

Oder, wie Ricky Burdett es zuspitzt: „Nobelpreise werden nicht in Dörfern gewonnen.“ Der Direktor des Stadtforschungszentrums „LSE Cities“ an der London School of Economics mahnt zudem, die Unterschiede zwischen Städten nicht aus dem Blick zu verlieren: Berlin sei im Vergleich zu hyperdichten Millionenmetropolen wie Hongkong oder Tokio eine großzügige, grüne Stadt. Und was verraten Hirnscans aus Mannheim über die Zustände in Mumbai?

Andererseits weiß Burdett auch: „Es gibt einen Zusammenhang zwischen Bebauung, Infrastruktur und psychologischen Faktoren.“ Ein Beispiel aus Bogotá: Dort haben kluge Stadtplaner ein Netz aus Radwegen rund um die Stadt gelegt, bevor im folgenden Jahrzehnt die improvisierten Siedlungen der Zuzügler entstanden. Während also in Saõ Paulo der Durchschnittspendler jeden Tag vier Stunden unterwegs ist und die Superreichen sich nur mit dem Privathubschrauber fortbewegen, bringen Väter und Mütter in Bogotá ihre Kinder auf dem Fahrradgepäckträger zur Schule - ein Gewinn für die Gesundheit und die Familie zugleich. Nur: Solche sozialen und psychologischen Auswirkungen trockener Planungsentscheidungen, so Burdett, seien an renommierten Fakultäten für Stadtentwicklung und Architektur kein Thema.

„Es ist Zeit zusammenzuarbeiten“, sagt deshalb Mazda Adli und wirbt für einen „Neuro-Urbanismus“: Den Risiken für die seelische Gesundheit, die aus der globalen Verstädterung erwüchsen, müssten Stadtplaner, Psychiater, Hirnforscher und Architekten vereint entgegentreten.

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