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Norah-Studie : Lärm schlägt aufs Gemüt – aber macht er krank?

Fluglärm ist besonders für Kinder ein Problem (Foto-Archiv). Bild: dpa

Die bislang umfangreichste Studie zum Thema Verkehrslärm sieht für die Gesundheit geringere Gefahren als bislang erwartet. Dafür schlägt der Krach offenbar umso stärker aufs Gemüt.

          Die gesundheitlichen Auswirkungen von Verkehrslärm sind insgesamt geringer als befürchtet, in Teilen aber durchaus besorgniserregend. Die am Donnerstag in Frankfurt vorgestellten Ergebnisse der fast fünfjährigen Untersuchungen widersprechen der These, Fluglärm an sich erhöhe das Risiko von Herzinfarkten und Schlaganfällen erheblich. Bestätigt wurde dies nur für Gebiete etwa im unmittelbaren Umfeld des Flughafens, in denen der Dauerschallpegel 60 Dezibel (A) und höher ist; dort ist die Wahrscheinlichkeit, einen Infarkt zu erleiden, 2,7 Mal so hoch wie in der gesamten Region.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dennoch steigt die Zahl der depressiven Erkrankungen vor allem in von Fluglärm stark belasteten Gebieten signifikant. Deutlich häufiger als andernorts leiden dort zudem Anwohner – ähnlich wie an wenig schallgeschützten Bahnstrecken – an Herzschwäche. Dies seien die überraschendsten Erkenntnisse der Studie, sagte Andreas Seidler von der TU Dresden.

          Die von früheren Untersuchungen der Universität Mainz bestärkte Vermutung, der Blutdruck steige bei den Menschen, die sich über laute Flugzeuge über ihren Häusern ärgern, wurde von der Studie indes nicht bestätigt. Zumindest in den gemittelten Werten ergaben sich keine statistisch signifikanten Auffälligkeiten.

          Die Leiter der acht Institute, die an der Norah-Studie beteiligt waren (darunter Mediziner, Psychologen, Sozialwissenschaftler und Akustiker), hoben hervor, dass es noch einiges gebe, das weiter erforscht werden müsse. Das gilt etwa für die Frage, ob Lärm das Risiko erhöht, an Brustkrebs zu erkranken. Registriert wurden 139 Fälle in Gebieten, in denen die durchschnittliche Schallwerte zwischen 55 und 60 Dezibel liegen. Das ist dreimal so viel wie in deutlich „leiseren“ Vergleichsgebieten. Ob ein Ursachenzusammenhang besteht, blieb offen.

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          Kaum Zweifel gibt es hingegen in der Einschätzung, dass viele Menschen im Rhein-Main-Gebiet ihre Lebensqualität durch Verkehrsgeräusche stark gestört sehen. Das gilt vor allem für Fluglärm. Die Zahl derer, die darunter leiden, ist in den vergangenen Jahren sogar noch gewachsen, obwohl die objektiven Werte gleichblieben. Sie liegt bei etwa gleichem Lärmpegel in der Rhein-Main-Region deutlich höher als im Umfeld der Flughäfen Köln/Bonn oder Stuttgart. Dies könnte nach dem Ausbau in Frankfurt an einem „Change Effekt“ liegen, vermuten die Forscher.

          Laut der „Schlafstudie“ hat das Nachtflugverbot für Frankfurt einiges bewirkt. Seien die Menschen in den Einflugschneisen vor dem Herbst 2011, als die Pause mit Inbetriebnahme der Landebahn-Nordwest verfügt wurde, noch durchschnittlich zweimal aufgewacht, so liege der Wert nun bei 0,8. Allerdings hängt das stark davon ab, wann die Menschen zu Bett gehen und dementsprechend aufstehen. Wer sich erst spät hinlegt, erlebt die ersten Landeanflüge morgens um 5 Uhr daher meist noch in der Schlummerphase. Die Empfehlung der Wissenschaftler lautet daher, früher ins Bett zu gehen. Obwohl nach diesen Daten die Menschen im Umland des Frankfurter Flughafens eigentlich i das Gefühl haben müssten, ihre Situation habe sich verbessert, ist die erfragte „subjektive Schläfrigkeit“ nach Einführung des Nachtflugverbots um bis zu elf Prozent gestiegen.

          Insgesamt mehr als 20.000 Menschen in der Rhein-Main-Region beantworteten Fragen der Wissenschaftler, etwa 200 legten sich für jeweils drei Wochen im Sommer nachts Geräte an, um ihren Schlaf zu überwachen, den Blutdruck maßen sich mehr als 800. Grundlage für Aussagen über die Krankheitsrisiken bildeten die Daten von rund einer Million Versicherten.

          Johann-Dietrich Wörner, einer der Vorstände des Frankfurter Forums Flughafen und die Region, das die Studie in Auftrag gegeben hatte, nannte die Studie einen Meilenstein in der Lärmwirkungsforschung, die Klarheit schaffe. Der frühere Präsident der TU Darmstadt, seit Sommer Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation Esa, appellierte an die Politik, aber auch an Bürgerinitiativen und die Luftverkehrsbranche, mit den hochkomplexen Ergebnissen sorgsam umzugehen. Für ihn sind vor allem die Erkenntnisse darüber, in welch hohem Maß die Menschen sich im Umfeld des Flughafens belästigt fühlen, wichtig. Seiner Vorstellung nach muss sich daran auch eine vom hessischen Verkehrsminister Tarek Al-Wazir in Aussicht gestellte Lärmobergrenze orientieren.

          Die Norah-Studie (ein Akronym aus Noise-Related Annoyance, Cognition and Health hat rund zehn Millionen Euro gekostet, zum Großteil finanziert vom Land.

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