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Kinderwunschbehandlung : Zellhaufen oder Leben?

Kinderwunsch um jeden Preis? Reproduktionsmedizin kann zu einem ethischen Dilemma führen. Bild: dpa

Die Erfolgschancen einer Kinderwunschbehandlung steigen, wenn befruchtete Eizellen eingefroren werden. Was aber, wenn welche übrigbleiben? Plötzlich stehen Paare vor einem ethischen Dilemma.

          7 Min.

          Als die dritte Rechnung vom Kinderwunschzentrum kam, öffnete Tina P. den Brief und legte ihn in die Küche. So macht sie das immer mit der Familienpost. Sobald ihr Mann von der Arbeit nach Hause käme, würde er ihn finden. Sie würden darüber reden und eine Entscheidung treffen. Danach würde die Rechnung abgeheftet.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Eine Woche lang lag der Brief in der Küche, ein Formschreiben: „Sehr geehrte Patientin, sehr geehrter Patient, wir haben noch kryokonserviertes Material von Ihnen aufbewahrt.“ Auf dem Fußboden des Lofts spielten die sieben Monate alten Zwillinge. Tina P. war schwanger geworden, nachdem das Kinderwunschzentrum ihr Eizellen entnommen, befruchtet, zu Embryonen herangezüchtet und wieder eingesetzt hatte. Die restlichen drei Embryonen hatte das Kinderwunschzentrum eingefroren. Jetzt standen die Eltern schon zum dritten Mal vor der Frage: Sollte dieses „kryokonservierte Material“ vernichtet werden? Wollten sie weiter für die Lagerung zahlen?

          „Aber am Ende sind das schon unsere Kinder geworden.“

          Das Paar wollte nicht mehr Kinder, keiner von beiden ist sonderlich religiös. Trotzdem sagt Tina P.: „Allein schon dieser Gedanke: Die werden entsorgt. Das fand ich so hart.“ Und Dirk P. fügt nachdenklich hinzu: „Natürlich sind das noch keine Kinder. Aber am Ende sind das schon unsere Kinder geworden.“

          Die moderne Reproduktionsmedizin bringt es mit sich, dass Paare vor Fragen stehen, von denen nie jemand gedacht hätte, dass ein Mensch sich ihnen würde stellen müssen. Dabei scheinen die ethischen Risiken und Nebenwirkungen der Kryokonservierung noch vergleichsweise gering. Rechtlich ist die Lage eindeutig. Paare haben die Verfügungsgewalt über ihre Keimzellen. Punkt. Betroffene gründen weder Selbsthilfegruppen, noch bitten sie in den einschlägigen Foren um Rat. Entscheiden müssen sie trotzdem: Was machen sie mit den tiefgefrorenen Zellen, auf die sich eben noch ihre geballte Kinderwunsch-Hoffnung konzentrierte und die dann, aus welchen Gründen auch immer, überflüssig geworden sind? Kündigt man so einen Lagerungsvertrag, als wäre es eine Versicherungspolice, die kein Mensch mehr braucht und die nur unnötig Kosten verursacht? Oder ist das, wie Tina P. es formuliert, „ein bisschen wie Abtreibung light, nur außerhalb des Körpers“?

          Kryos ist griechisch und heißt kalt. Kryokonservierung bedeutet gewissermaßen: verdammt kalt. Schon in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist man in der Tierzucht auf die Idee gekommen, Spermien in gasförmigem Stickstoff bei minus 150 Grad zu lagern. Heute gibt es sogenannte Kryobanken, die für die Forschung oder zu therapeutischen Zwecken Stammzellen, Blut oder Gewebeproben einfrieren. Solche Tiefkühlanlagen unterliegen den strengen Qualitätsanforderungen der pharmazeutischen Industrie, sie arbeiten unter sterilen Bedingungen und verfügen über vollautomatische Befüllungs- und Überwachungssysteme. Allein der deutsche Markt wird im Jahr 2017 Schätzungen zufolge von 700 Millionen Dollar Umsatz im Jahr 2014 auf eine Milliarde wachsen.

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