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Kinderwunschbehandlung : Zellhaufen oder Leben?

Zellhaufen oder Baby in spe?

Am Fertility Center Berlin sind in den vergangenen zwei Jahren knapp 200 Frauen gefragt worden, auf welchen Zeitpunkt sie den Beginn menschlichen Lebens datieren. Nur für ein Drittel ist das wie im Embryonenschutzgesetz die Verschmelzung von Ei- und Samenzelle. Für vierzig Prozent ist – wie nach englischem Recht – die Einnistung der befruchteten Eizelle in die Gebärmutter entscheidend. Andere wählen ein noch späteres Datum. Zugleich sind die Patientinnen gebeten worden, ihre Vorstellung von dem zu zeichnen, was ihnen nach der künstlichen Befruchtung in die Gebärmutter übertragen werde. Das Ergebnis sind mehrheitlich fast naturalistische Abbildungen von unterschiedlichen Stadien der Embryonalentwicklung, ein Beleg für die Informiertheit der Patientinnen und ihren realistischen Blick. Nur vereinzelt dekorierten Frauen ihre Zeichnung mit Smileys, Sonnen, Herzchen oder dem geplanten Namen ihres Wunschkindes.

Also: Zellhaufen oder Baby in spe? Seit August 2013 haben sich 21 reproduktionsmedizinische Zentren zum Netzwerk Embryonenspende zusammengeschlossen. Seitdem sind 133 überzählige, durch künstliche Befruchtung entstandene Embryonen an Paare mit unerfülltem Kinderwunsch vermittelt worden. 18 Kinder wurden geboren, derzeit bestehen sechs Schwangerschaften. Die Schwangerschaftsrate ähnelt jener anderer reproduktionsmedizinischer Behandlungsmethoden auch. 265 Paare stehen nach Angaben des Netzwerkes auf der Warteliste. Einem Gutachten des Deutschen Ethikrats aus dem vergangenen Frühjahr zufolge ist das nichtkommerzielle Überlassen überzähliger Embryonen an Wunscheltern erlaubt. Abstammungsrechtlich und im Hinblick auf die Beratung der Paare jedoch wird Regelungsbedarf gesehen.

Unbrauchbare kryokonservierte Zellen werden entsorgt

Die Gespräche mit potentiellen Spenderpaaren, sagt Franz Geisthövel, der bis zu seiner Pensionierung vor zwei Jahren das Centrum für gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin Freiburg geleitet hat, gehörten zu den ergreifendsten seines Berufslebens. Die Paare empfänden große Dankbarkeit, weil sie selbst Eltern geworden seien, und wollten dieses Glück weitergeben. Die Spende enthalte eine „hohe altruistische Komponente“, gerade auch bei den Männern, die in Kauf nehmen würden, dass etwaige geborene Kinder ihren Erzeuger eines Tages kennenlernen wollten. Die meisten Eltern jedoch schrecke der Gedanke ab, dass in einer fremden Familie genetisch eigene Kinder groß würden.

Eine Woche lang lag die dritte Rechnung des Kinderwunschzentrums in der Küche von Dirk und Tina P. Dann entschied sich das Paar nach intensiven Diskussionen für die Kündigung seines Vertrags. „Egal, was mit unseren Kindern passieren würde, ich fang nicht mehr von vorne an“, sagt Dirk P. Der Gedanke an die Eizellen im Eis, wie eine Art „Back-up“ für die Zwillinge, kam ihm gruselig vor. Tina P. sah vor allem die Alternativlosigkeit: „Entweder wir bezahlen das jetzt bis an unser Lebensende ...“, sagt sie – aber auch dann würden die Zellen letzten Endes aufgetaut: „Es gibt nicht die Option, was Sinnvolles damit zu machen.“

Kryokonservierte Zellen, die nicht weiter gelagert werden sollen, werden – so der Fachjargon – verworfen. Dafür zieht man sie aus dem Stickstoff und lässt sie auftauen. Sie zerfallen einfach. Weil sie mit bloßem Auge unsichtbar sind, ist es, als wäre nichts geschehen.

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