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Kinderwunschbehandlung : Zellhaufen oder Leben?

Praxis bewegt sich in einer rechtlichen Grauzone

Diese Praxis hat sich in den vergangenen Jahren aus der rechtlichen Grauzone heraus als „Deutscher Mittelweg“ etabliert. Es ist der Versuch eines doppelten Auswegs: Einerseits werden auf diese Weise ähnliche Schwangerschaftsraten wie im Ausland erzielt, wo laxere Gesetze gelten. Andererseits kann die Rate der Mehrlingsschwangerschaften reduziert werden, wenn in vitro gezüchtete Embryonen einzeln zurückgegeben und andere vorerst konserviert werden können.

Befruchtung einer Eizelle mit einer Injektionspipette
Befruchtung einer Eizelle mit einer Injektionspipette : Bild: dpa

509,43 Euro für die Kryokonservierung plus Sachkosten und Mehrwertsteuer macht insgesamt 802,99 Euro: Über die Anfangsrechnung des Kinderwunschzentrums dachten Tina und Dirk P. gar nicht weiter nach. Ein paar Embryonen auf Eis schienen körperlich schonender und finanziell günstiger, als sich vor jedem weiteren Behandlungszyklus erneut einer Hormonbehandlung und Punktion zur Eizellentnahme zu unterziehen. Die erste Folgerechnung kam, da war Tina P. schwanger. Ohne weitere Diskussion verlängerte das Paar den Lagerungsvertrag. „Wegen des Karmas, dass nicht noch was passiert“, sagt Tina P. Und: „Ich war noch nicht bereit, die gehen zu lassen.“

Jede zehnte Eizelle kann  sich in die Gebärmutter einzunisten

Als sechs Monate später die nächste Rechnung kam, waren die Zwillinge gerade auf der Welt. Die Eltern begannen ein vorsichtiges Gespräch: „Wir wollten unser Glück nicht überstrapazieren, indem wir diese drei anderen Kinder kaputtmachen“, sagt Tina P. Nun seien drei Zellhaufen in flüssigem Stickstoff natürlich noch keine Kinder, korrigiert sie sich. Trotzdem, erzählt Dirk P., hätten sie lieber das Portemonnaie aufgemacht und die Entscheidung vertagt. Rückblickend findet das Paar, es sei nicht ausreichend aufgeklärt worden. Dirk P. vermutet dahinter sogar eine gewisse Absicht: „Erst mal ist alles überlagert von dem Kinderwahnsinn“, sagt er. „Aber wenn man darüber nachdenkt, belastet das einen schon. Wenn man die Diskussion über Abtreibung nimmt, ist eine befruchtete Eizelle Leben. Und wenn ich sie auftaue, entscheide ich mich, sie zu töten.“

Aus naturwissenschaftlicher Sicht ist das eine unangemessene Überhöhung. „Das trifft nicht den biologischen Kern“, sagt Claus Sibold. „Maximal eine von zehn befruchteten Eizellen hat die Fähigkeit, sich in die Gebärmutter einzunisten. Die übrigen sind nicht lebensfähig.“ Sibold leitet seit vielen Jahren das Labor im Fertility Center Berlin. Sein Computer speichert eine Art Bilanz aus bald zwanzig Jahre Kryokonservierung. Seit 1999 hat das Kinderwunschzentrum zirka 24.000 befruchtete Eizellen eingefroren. Zwei Drittel davon wurden früher oder später für die weitere Kinderwunschbehandlung aufgetaut – entweder zeitnah, weil die Übertragung vorheriger Embryonen nicht zu einer Schwangerschaft geführt hatte. Manchmal auch mit ein paar Jahren Abstand, wenn die Eltern für ihr In-vitro-Kind ein Geschwisterchen wollten. Für die restlichen rund 8000 Zellen im Vorkernstadium gilt: Etwa die Hälfte der Lagerungsverträge wurden gekündigt und die Zellen entsprechend vernichtet. Die andere Hälfte ist noch da. Vielleicht 350 davon, schätzt Biologe Sibold, seien Embryonen. Alle sechs Monate wird die Lagerungsgebühr von 142,80 Euro fällig.

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