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Kinderwunschbehandlung : Zellhaufen oder Leben?

Kaum Daten über die Fertilitätsbranche

Die Fertilitätsbranche kommt in dieser Bilanz gar nicht vor. Wie viele der insgesamt 140 deutschen Praxen und Kliniken in welchem Umfang kryokonservierte Zellen lagern – darüber gibt es keine Daten. Der Versuch einer Firma, im Zuge der Debatte um Social Freezing – das vorsorgliche Einfrieren unbefruchteter Eizellen, um die Chance auf Fruchtbarkeit vom biologischen Alter der Frau zu entkoppeln –, eine Art zentrales Hochsicherheitskühlhaus der Reproduktionsmedizin aufzubauen, scheint vorerst gescheitert; jedenfalls ist das Unternehmen gerade aufgekauft worden. Noch die kleinste Kinderwunschpraxis kann sich einen Tank mit flüssigem Stickstoff ins Labor stellen, das sieht nicht spektakulärer aus als eine große Flasche Campinggas. Das Geheimnis, aber auch der Fluch der Technik: Lebendes Material, das bei minus 196 Grad schockgefrostet wird, kennt kein Verfallsdatum. Es lässt sich ewig aufbewahren.

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Eigentlich steht das deutsche Embryonenschutzgesetz für den entschiedenen Willen des Gesetzgebers, die Erzeugung überflüssiger Embryonen zu verhindern, wodurch eine Entscheidung wie die von Dirk und Tina P. gar nicht nötig geworden wäre. Um nun zu verstehen, wie die Kryokonservierung dieses Reglement unterwandert und welche guten Gründe es dafür gibt, lohnt sich ein Besuch im Fertility Center Berlin. Die private Praxis liegt auf dem Gelände des renommierten Klinikums Westend. Blütenweiße Wände, intime Wartenischen, auf dem Schreibtisch des Professors stehen frische Blumen. Heribert Kentenich klickt sich durch Fotos der menschlichen Embryonalentwicklung, die wie Bilder aus dem Weltall aussehen: Nach der Befruchtung erinnert die menschliche Eizelle unter dem Mikroskop an einen Planeten, auf dem zwei Krater zu sehen sind. Die Krater enthalten das Genmaterial von Ei- und Samenzelle noch vor der Verschmelzung. Solche Eizellen im Vorkernstadium genießen laut Embryonenschutzgesetz keinen Lebensschutz. „Sie können dieses einfrieren, auch beforschen oder auch aus der Kultur herausnehmen und wegwerfen“, sagt Kentenich.

Produktion überzähliger Embryonen soll vermieden werden

Die Zäsur erfolgt mit dem Abschluss des Befruchtungsvorgangs und der Auflösung der Vorkerne. Auf dem Bild von Tag Zwei der Embryonalentwicklung sind zwei dicke, aneinanderklebende Blasen zu sehen, die Zellteilung hat begonnen: Ein Embryo ist entstanden. „Da ist alles festgelegt, das ist geschützt“, sagt Kentenich. Von diesem Stadium an hätten nur noch die Eltern das Recht zur Vernichtung. Auf den nächsten Fotos wird der Zellhaufen komplexer. An Tag Fünf nistet er sich normalerweise in die Gebärmutter ein.

Dann spricht Kentenich von einem Denkfehler. Um die Produktion überzähliger Embryonen zu vermeiden, sollten bei der Kinderwunschbehandlung ursprünglich nur so viele Eizellen entnommen, wie als Embryonen wieder auf die Frau übertragen werden dürften – also maximal drei. Aber nicht jede Zelle im Vorkernstadium reift tatsächlich zum Menschen, ganz im Gegenteil. Das aber heiße, sagt der Professor, um einer Frau überhaupt ein oder zwei Embryonen zurückgeben zu können, müsse man vier oder fünf Eizellen kultivieren. Und falls entgegen der statistischen Wahrscheinlichkeit doch mehr Embryonen entstehen, friere man diese eben ein.

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