https://www.faz.net/-gum-8zadd

Cholera-Epidemie im Jemen : „Was muss eigentlich noch passieren?“

„Eine menschengemachte Katastrophe“: In einem Krankenhaus in der Hauptstadt Sanaa wird ein Cholera-Patient behandelt. Bild: EPA

Die Menschen im Jemen leiden unter einer verheerenden Cholera-Epidemie. Der Krieg im Land hat die Lage dramatisch verschärft. Jetzt schließt sich eine unübliche Allianz zusammen.

          3 Min.

          Es ist eine Geschichte, die ein wenig Hoffnung verbreiten soll. Doch Ahmed Zouiten stockt die Stimme, als er von der Rettung einer Cholera-Patientin berichtet. Zouiten ist ein leitender Krisenberater für Nothilfeeinsatz der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jemen, wo derzeit eine heftige Epidemie wütet. „Anfangs war ich erschüttert“, sagt der Mediziner.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Die Frau habe schon das Bewusstsein verloren, als sie in die Klinik gebracht wurde. Als wäre sie nur ein Gegenstand, sei sie auf einer dreckigen Decke abgelegt worden. „Aber dann eilten sofort sechs Krankenschwestern herbei.“ Deren beherzter Einsatz habe die Frau gerettet. „Sie haben sie ins Leben zurückgeholt.“ Die Eindrücke aus dem Jemen, von denen Zouiten am Telefon berichtet, gehen ihm hörbar nahe.

          Versorgung auf dem Land ist schlechter

          Zwei Wendungen tauchen immer wieder auf, wenn Helfer oder UN-Funktionäre angesichts der Cholera-Epidemie im Jemen Alarm schlagen: die von einer „menschengemachten Katastrophe“ und die von einem „Wettlauf gegen die Zeit“. Seit Monaten breitet sich die Seuche im Land aus. Nach den Zahlen der WHO vom Donnerstag sind inzwischen gut 231000 Menschen an Cholera erkrankt. Etwa ein Viertel davon sind Kinder. Jeden Tag kommen rund 5000 Fälle dazu. Mehr als 1400 Menschen sind an den Folgen der Infektionskrankheit gestorben.

          Fernsehbilder aus den medizinischen Einrichtungen zeigen ausgezehrte Menschen und erschöpfte Ärzte. Viel Zeit haben sie nicht. Die Erkrankten leider unter heftigem Durchfall und Erbrechen, ihnen droht der Tod durch Dehydrierung. „Cholera wartet nicht auf den nächsten Tag. Cholera macht keinen Unterschied, ob der Patient aus der Hauptstadt Sanaa oder einem entlegenen Dorf kommt“, sagt Ahmed Zouiten. In den ländlichen Regionen ist die Versorgung noch schlechter. Vielerorts müssen die Kranken und ihre Angehörigen stundenlange Fußmärsche hinter sich bringen, um die überlasteten medizinischen Einrichtungen zu erreichen.

          Unser Angebot für Erstwähler
          Unser Angebot für Erstwähler

          Lesen Sie 6 Monate die digitalen Ausgaben von F.A.Z. PLUS und F.A.Z. Woche für nur 5 Euro im Monat

          Zum Angebot

          Die meisten Jemeniten haben mit dem Krieg nichts zu tun

          Der Jemen leidet unter einem erbitterten Abnutzungskrieg. Seit mehr als zwei Jahren bekämpfen sich die Houthi-Rebellen und die Regierung. Die schiitischen Houthi werden vom Regime in Teheran unterstützt, die Regierung von einer Koalition, die Saudi-Arabien, der sunnitische Erzrivale Irans, anführt. Die Zivilbevölkerung ächzt unter einem Krieg, mit dem die große Mehrheit der Jemeniten nichts zu tun hat. Schon lange hungern die Menschen, weil die saudisch geführte Koalition mit einer Blockade des Landes Druck auf ihre Gegner ausüben will – und so die Lieferung von Hilfsgütern behindert. Jetzt kommt noch die Cholera-Epidemie dazu. Appelle, die Zivilisten besser zu schützen und ihre Not zu mindern, verhallen ungehört. „Wir wachen jeden Tag auf und fragen uns: Was muss eigentlich noch passieren?“, klagte eine Sprecherin des UN-Kinderhilfswerks Unicef vor einigen Tagen im Sender Al Dschazira.

          Der UN-Nothilfekoordinator Stephen O’Brien nimmt die Kriegsparteien immer wieder in die Pflicht. Beide Seiten tragen nach seinen Worten eine „gemeinsame Verantwortung“ an der humanitären Katastrophe im Jemen. Auch wenn Cholera-Erkrankungen in dem bitterarmen Land endemisch sind, hat der Krieg entscheidend dazu beigetragen, dass die Seuche nicht mehr einzudämmen war. Schon zu Beginn des Jahres, heißt es in der Hauptstadt Sanaa, hätten Hilfsorganisationen vor einer Katastrophe gewarnt.

          Wasserversorgung ist stark eingeschränkt

          Der Krieg hat die jemenitische Verwaltung auf zwei entscheidenden Feldern massiv geschwächt: Die Wasserversorgung hat ebenso gelitten wie der Gesundheitssektor, der kurz vor dem Kollaps steht. Cholera wird vor allem durch verseuchtes Trinkwasser verbreitet. Die Funktionäre beider Lager im Gesundheitsministerium arbeiten nur widerwillig zusammen. Seit etwa zehn Monaten hat der bankrotte Staat seine Angestellten nicht bezahlt. Dazu gehört auch das medizinische Personal in den staatlichen Gesundheitseinrichtungen. 274 medizinische Zentren sind zerstört worden – durch Luftangriffe der saudisch geführten Koalition oder durch Plünderungen. Medizinische Güter sind wertvoll.

          Ähnliches gilt für die Trinkwasseraufbereitung und die Abwasseranlagen. So wiesen die Vereinten Nationen zum Beispiel Mitte Juni auf einen Luftangriff in der Stadt Dhamar hin, der die Stromversorgung für die dortige Wasserversorgung massiv beeinträchtigte. Mehr als eine Million Menschen seien in der Folge einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt gewesen, hieß es. Auch die Logistik ist deutlich erschwert. Helfer verbringen viel Zeit damit, Lastwagen mit medizinischen Gütern durch die vielen Checkpoints zu lotsen. Wegen der ausbleibenden Zahlungen hatte auch die Müllabfuhr gestreikt, der Unrat stapelte sich, Regengüsse hatten zugleich die Straßen geflutet. Inzwischen sei zumindest ein Teil des Mülls weggeräumt, berichtet ein Bewohner in Sanaa.

          Medizinisches Personal ausbilden

          Um die medizinische Versorgung vor dem Zusammenbruch zu bewahren, haben sich nun die WHO, Unicef und die Weltbank zu einer bislang unüblichen Allianz zusammengeschlossen. Sie arbeiten nach den Worten von Ahmed Zouiten gemeinsam daran, die Ausbildung für das medizinische Personal sicherzustellen, die Bevölkerung über die Vorbeugung durch Wasserhygiene aufzuklären und Daten zur Beobachtung der Epidemie zu gewinnen. Zudem sollen Ärzte und Krankenschwestern etwas Geld für ihre Arbeit bekommen. Die Bemühungen, sagt Zouiten, zeigten inzwischen Wirkung. Der Kampf sei noch lange nicht gewonnen, die Epidemie breite sich weiter aus. Aber die Todesrate sei inzwischen auf 0,6Prozent gesunken.

          Weitere Themen

          Die Härten der Realpolitik

          TV-Kritik zu „Maybrit Illner“ : Die Härten der Realpolitik

          Der Einmarsch der Türkei in Syrien beherrscht die öffentliche und politische Debatte auch in Deutschland. „Wie machtlos ist Europa?“ fragte Maybrit Illner ihre Gäste und erhielt eine nüchterne Bestandsaufnahme der deutschen Außenpolitik.

          Topmeldungen

          Zukunft der Menschheit : Eine Batterie für alles!

          Mit einem Handy fing alles an, inzwischen geben Autohersteller jährlich dutzende Milliarden dafür aus: Lithium-Ionen-Akkus treiben heute zahllose Geräte an. Die größte Zeit der Batterien steht aber noch bevor.

          Brexit-Liveblog : „Ich habe ein Déja-vu“

          Theresa May sorgt für Lacher im Parlament +++ Johnson will vom Letwin-Antrag nichts wissen +++ Hunderttausende Demonstranten in London unterwegs +++ „Super Samstag“ im britischen Unterhaus +++ Alle Infos zur Brexit-Debatte im Liveblog.
          Farrow, hier in New York, brachte nach Weinstein CBS-Chef Leslie Moonves und Generalstaatsanwalt Eric Schneiderman zu Fall.

          Ronan Farrow über Weinstein : Missbrauch mit System

          Ronan Farrow sorgte dafür, dass der Hollywood-Mogul Harvey Weinstein wegen sexueller Straftaten vor Gericht kommt. In seinem Buch „Durchbruch“ erzählt Farrow, wie seine Recherche gestoppt werden sollte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.