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Blutprobe statt OP : Wie man Krebs bald schon im frühsten Stadium erkennen kann

  • -Aktualisiert am

Keine Schnitte, keine Narkose: Die Diagnose aus dem Blutröhrchen ruft finanzielle und ethische Fragen auf. Bild: Getty

Wissenschaftler arbeiten an einer Methode, durch die sie Krebszellen schon anhand einer Blutprobe erkennen können. Gibt es bereits erste Erfolge zu vermelden?

          Er gehört noch immer zu den gefürchtetsten Krankheiten unserer Zeit, der oft wie aus dem Nichts auftaucht und trotz immer besserer Therapiemethoden für viele Menschen weiterhin tödlich endet: der Krebs. Besteht Verdacht auf Krebs, entnehmen Mediziner bislang in der Regel mit einer Biopsie eine Probe des mutmaßlich betroffenen Gewebes und untersuchen sie auf bösartige Veränderungen in den Zellen. Je nach Lage des Tumors geschieht das unter Vollnarkose, mindestens aber unter örtlicher Betäubung. Für den Patienten ist es also ein chirurgischer Eingriff, der – abhängig von Krankheitsverlauf und -dauer – durchaus mehrfach wiederholt werden muss, um die Veränderungen des Tumors zu beobachten und die Behandlung darauf abzustimmen.

          Gerade für ältere Patienten oder solche, die durch eine Chemotherapie oder Bestrahlung bereits geschwächt sind, ist jede Biopsie eine starke körperliche Belastung. Manche Patienten müssen für eine Biopsie stationär im Krankenhaus aufgenommen werden.

          Geht es nach Michael Kazinski, Biotechnologe bei der Firma Qiagen im nordrhein-westfälischen Hilden, werden die Gewebebiopsien eines Tages der Vergangenheit angehören. Kazinski und seine Kollegen arbeiten an der sogenannten Liquid Biopsy – auf Deutsch: Flüssige Biopsie. Anstelle einer Gewebeprobe unter Betäubung wird dem Patienten dabei nur eine Blutprobe entnommen. Ein kleiner Pieks anstelle eines Eingriffs.

          Anschließend untersuchen die Wissenschaftler im Labor, ob sich im Blut DNA-Fragmente eines Tumors befinden. Im Verlauf der Krebserkrankung kontrollieren sie anhand weiterer Blutuntersuchungen, ob und, wenn ja, wie die Tumorzellen sich verändern. Denn bei jedem Tumor, der wächst, sterben immer auch Zellen ab. Diese winzigen Partikel sondern Erbmaterial ab, das sich häufig im Blut nachweisen lässt.

          Methode zum Standardverfahren machen

          Zusammen mit dem Pharmaunternehmen Astra-Zeneca hat Qiagen die weltweit erste Zulassung für einen Bluttest erhalten, mit dem Lungenkrebs-Patienten auf bestimmte Veränderungen, sogenannte Mutationen, ihres Tumors hin untersucht werden können.

          Was nach einer Revolution in der Behandlung von Krebserkrankungen klingt, ist von der Idee nicht neu. Dass Tumore DNA-Fragmente ins Blut absondern, weiß man schon seit Mitte der 70er Jahre. Doch zuverlässig nachweisen lassen sich die winzigen Teilchen nur mit höchst präzisen Analyseverfahren. Und die sind erst in den vergangenen zehn Jahren ausreichend weiterentwickelt worden.

          In den medizinischen Alltag integriert ist die Liquid Biopsy in der Behandlung von Krebspatienten allerdings noch lange nicht. Bisher wird die Methode nur als begleitende Untersuchungsmethode in Studien mit Patienten angewandt, bei denen der Krebs bereits diagnostiziert und durch eine oder mehrere Biopsien nachgewiesen wurde. Denn bevor die Methode zum Standardverfahren werden kann, müssen die Forscher ganz sichergehen, dass ein Tumor oder die Veränderung eines Tumors sehr zuverlässig durch die Liquid Biopsy erkannt und nicht etwas übersehen wird.

          Besonders interessantes Forschungsgebiet

          Der Biochemiker Holger Sültmann vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg war an einer der derzeit zahlreichen Studien zur Liquid Biopsy beteiligt. In Deutschland arbeiten momentan viele Forschungsinstitute und Universitätskliniken an diesem Verfahren. Sültmann und seine Kollegen haben das Blut von insgesamt 20 Lungenkrebspatienten über mehr als zwei Jahre immer wieder auf Gewebeveränderungen in den Tumoren untersucht. Bei 16 Patienten konnten sie die Mutationen, von denen sie bereits aus den Biopsien wussten, auch im Blut nachweisen. Bei vier Patienten gelang das nicht.

          „Warum das so ist, wissen wir noch nicht“, sagt Sültmann. „Es könnte damit zusammenhängen, dass die Blutabnahmen zu Zeitpunkten geschehen sind, in denen sich gerade keine oder nur extrem wenig Tumor-DNA im Blut befand. Aber bevor wir dazu eine zuverlässige Aussage machen können, müssen wir noch viele weitere Patienten untersuchen.“

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