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Medikamentenpreise : Heilung nur für Reiche

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Die Regierung konnte bei den Herstellern, deren Medikamente sie erstattet, zwar Rabatte herausholen. Doch die Hersteller setzten durch, dass diese geheim und die Listenpreise unverändert hoch bleiben. Denn die Pharmakonzerne fürchten: Zwischenhändler würden günstigere Präparate sofort nach Westeuropa exportieren und die Umsätze der Hersteller schmälern.

Zudem sorgen sich Hersteller um negative Effekte von Auslandpreisvergleichen: Die nationalen Behörden fast aller EU-Staaten schauen sich nämlich an, was ein Medikament in anderen Ländern kostet. Erst dann setzen sie den Preis im eigenen Land fest. Die Preise in Lettland bestimmen direkt etwa die Preise in Belgien, Finnland oder Italien mit, deren Preise wiederum von anderen EU-Ländern genutzt werden. Die Hersteller fürchten Kettenreaktionen. Beispiel Griechenland: Eine Studie des europäischen Verbands der pharmazeutischen Industrie von 2012 zeigt, dass die Hersteller bei einer Senkung der Medikamentenpreise in Griechenland um zehn Prozent im Land selbst 299 Millionen Euro Umsatz pro Jahr verlieren. Europaweit würden sie 799 Millionen Euro und weltweit über zwei Milliarden Euro pro Jahr einbüßen. Grund: Die Preissenkung in Griechenland drückt wegen des Auslandpreisvergleichs indirekt die Preise etwa in Italien, der Türkei und Portugal.

Neuere Krebsmittel wie Perjeta, Avastin oder Kadcyla, die der Staat nicht zahlt, kosten in lettischen Apotheken daher mindestens so viel wie in reichen Ländern Westeuropas. Das zeigt ein Vergleich der Listenpreise der lettischen Agentur für Heilmittel mit Preisen in Deutschland, der Schweiz und Großbritannien. Der große Unterschied: Pro Monat verdienen Letten laut dem Lettischen Statistikamt im Schnitt 700 Euro, ein Fünftel des deutschen Durchschnittslohns. Die Ärztin Signe Plate vom lettischen Onkologie-Zentrum kennt Patienten, die für eine Krebsbehandlung ihre Häuser verkaufen.

Präparate in Bulgarien teurer als in Großbritannien

Kãrlis Liepiš, dessen Name eigentlich anders lautet, hatte diese Möglichkeit nicht. Im Juli 2015 bekam der 32-Jährige die Diagnose Dickdarmkrebs. Nach dem Eingriff rieten die Ärzte ihm ebenfalls zur Avastin-Behandlung. Doch Liepiš muss für einen dreijährigen Sohn und für das gesamte Familieneinkommen sorgen. 1000 Euro im Monat reichten da nicht aus, um auch noch eine Krebsbehandlung zu finanzieren. Liepiš entschied sich für eine günstigere Chemotherapie. Aber die ersten Resultate zeigen, dass diese nicht effektiv genug ist. „Avastin“, sagt er, „kann ich mir aber nicht leisten.“

Andere Länder, ähnliche Beispiele: Eine ältere bulgarische Brustkrebspatientin bekommt für ihre Chemotherapie seit kurzem eine Rechnung über 13 Euro ausgestellt und das für ein älteres Mittel. Für bulgarische Rentner ist das viel: Jeder fünfte muss mit 70 Euro im Monat durchkommen. Ihre erste Chemo im Dezember war noch gratis gewesen. Seit 2016 erstattet die staatliche Krankenversicherung NHIF das Medikament und 1033 weitere Präparate nicht mehr. Bulgariens nationale Krankenversicherung NHIF muss sparen: 2014 waren ihre Ausgaben für Krebsmittel um ein Viertel gestiegen - eine Folge höherer Preise, aber auch zahlreicher Betrugsfälle. Und 2015 kostete sie allein die Erstattung von neun neu zugelassenen teuren Krebsmedikamenten 15,3 Millionen Euro.

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