https://www.faz.net/-gum-7z3ob

„Depressionsatlas Deutschland“ : Hamburger bleiben am häufigsten mit Depression zuhause

  • Aktualisiert am

Immer öfter leiden Männer und Frauen in Deutschland unter Depressionen Bild: dpa

Depression ist immer häufiger die Ursache für eine Krankschreibung. Das zeigt eine Studie der Techniker Krankenkasse. Hamburger trifft es öfter als Bayern, Frauen öfter als Männer, und Callcenter-Mitarbeiter öfter als Erzieher.

          Die Zahl der Fehltage in Unternehmen aufgrund von Depressionen ist seit dem Jahr 2000 um fast 70 Prozent gestiegen. Das geht aus dem sogenannten Depressionsatlas hervor, den die Techniker Krankenkasse (TK) am Mittwoch in Berlin vorgestellt hat. Von 2000 bis 2013 nahm demnach der Anteil der Erwerbspersonen, die vom Arzt Antidepressiva verschrieben bekamen, um ein Drittel auf sechs Prozent zu.

          Im Verhältnis zu Erkältungen oder Rückenbeschwerden würden mit 1,6 Prozent zwar wesentlich weniger Menschen aufgrund von Depressionen krankgeschrieben. Weil die Betroffenen jedoch im Durchschnitt 64 Tage ausfielen, waren diese Fälle für 7,1 Prozent aller gemeldeten Fehltage verantwortlich, erläuterte der TK-Vorstandsvorsitzende Jens Baas. Für ein Unternehmen mit 250 Mitarbeitern bedeute dies, dass vier Beschäftigte gut zwei Monate im Jahr fehlten. Mit Urlaub bleibe hier allein ein Arbeitsplatz aufgrund von Depressionen unbesetzt.

          Betroffen waren nach den Angaben vor allem Berufszweige mit einem hohen Stresslevel und einer großen psychischen Belastung, etwa in den Bereichen Callcenter (2,8 Ausfalltage), Altenpflege (2,5 Tage), Erziehung (1,6 Tage) und Sicherheit (1,4 Tage). Frauen waren mit durchschnittlich 1,3 Tagen häufiger aufgrund von Depressionen krankgeschrieben als Männer mit durchschnittlich 0,8 Tagen. Mit zunehmendem Alter nehmen die Fehlzeiten zu, bis sie ab dem 60. Lebensjahr wieder rückläufig sind.

          Die Untersuchung stellte darüber hinaus große Unterschiede zwischen den Bundesländern fest. Hamburg hat 2013 demnach bundesweit die höchsten Fehlzeiten aufgrund von Depressionen verzeichnet. Dort entfielen demnach auf eine Erwerbsperson im Durchschnitt 1,42 Fehltage mit der Diagnose Depression. Auch in Schleswig-Holstein und Berlin lag der Anteil der arbeitsunfähig geschriebenen Versicherten um mehr als zehn Prozent über dem Bundesdurchschnitt.

          Baden-Württemberg wies dagegen mit durchschnittlich 0,84 Fehltagen die geringsten Fehlzeiten aufgrund dieser psychischen Erkrankung auf. Auch Bayern und Sachsen lag bei den durch Depression verursachten Fehltagen um rund zehn Prozent oder noch mehr unter dem Bundesdurchschnitt. Es zeigte sich, dass sich die Betroffenenraten auch innerhalb der Bundesländer zum Teil deutlich unterscheiden. In Baden-Württemberg zum Beispiel lagen 2013 die Fehlzeiten aufgrund von Depressionen in Pforzheim, Rottweil und Mannheim höher als im Bundesdurchschnitt. Für Bayern wurden vor allem in östlichen Kreisen an der Grenze zu Tschechien, aber auch in Coburg überdurchschnittliche Raten festgestellt.

          Laut dem TK-Report haben sich sowohl bei den Krankschreibungen mit Depression als auch bei den Verordnungen von Antidepressiva im Laufe von 14 Jahren die Unterschiede zwischen den Bundesländern verringert. Dies könne auf eine Angleichung der Lebensumstände, aber auch auf eine Angleichung der diagnostischen und therapeutischen Strategien von Ärzten hindeuten.

          Nach der Studie entstanden wegen des Arbeits- und Produktionsausfalls 2013 durchschnittliche Kosten von knapp 108 Euro je Erwerbsperson. „Betrachtet man zudem den großen medizinischen Versorgungsbedarf der Patienten, sind Depressionen ein wirtschaftlicher Faktor“, so Baas. Anhand der vorliegenden Daten aus dem Jahr 2014 sei erkennbar, dass sich der Trend zu psychisch bedingten steigenden Fehlzeiten fortgesetzt habe.

          Als Ursachen verwies Baas unter anderem auf die veränderten Arbeitsbedingungen. Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwömmen immer mehr. Er regte an, das betriebliche Gesundheitsmanagement, die individuelle Fürsorge und die medizinische Versorgung zu verbessern.

          Der Depressionsatlas ist eine Sonderauswertung des TK-Gesundheitsreports 2014. Dafür wertet die TK die Krankschreibungen ihrer 4,1 Millionen versicherten Erwerbspersonen aus.

          Topmeldungen

          Nach einem ungeregelten Brexit im Oktober könnte Joghurt wegen der erschwerten Einfuhrbedingungen und der möglichen Knappheit Seltenheitswert haben.

          Ungeregelter Brexit : Wenn der Joghurt zum Luxus wird

          Wenn Joghurt zum Luxusgut wird. Das könnte dem Vereinigten Königreich tatsächlich bei einem ungeregeltem Brexit am 31. Oktober passieren. Besonders die britische Milchindustrie fürchtet sich vor kommenden Engpässen.
          Auf eine Partie Bridge: Starinvestor Warren Buffet und Microsoft-Mitgründer Bill Gates auf einer Veranstaltung während der Hauptversammlung von Berkshire Hathawy am 6. Mai 2019

          Drohende Rezession : Buffett vertraut auf das Wirtschaftswachstum

          Berkshire Hathaway, die Gesellschaft des berühmten Starinvestors, hat zuletzt Aktien von Banken und eines Einzelhändlers gekauft. Die Kursrückschläge dürfte Buffett als Kaufgelegenheit nutzen.
          Mit virtueller Realität direkt ins Herz der Immigranten – Iñárritus Sechseinhalb-Minuten-Installation in Cannes.

          Künstliches Herz : Organ aus dem 3-D-Drucker

          Forscher konstruieren eine künstliche Herzkammer und Muskelzellen, die synchron schlagen. Noch fehlt Entscheidendes, damit Ersatzorgane aus dem 3-D-Drucker entstehen können.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.