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Krankhafte Essstörung : „Besonders wichtig ist der kleine Löffel“

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„Ich wiege mich nicht mehr“: Christian Frommert in seiner heimischen Küche, die er zum Kochen noch nie benutzt hat. Bild: Rainer Wohlfahrt

Magersucht trifft nicht nur Frauen: Der ehemalige Telekom-Manager Christian Frommert spricht im Interview über seinen Kampf gegen eine schwer begreifbare Krankheit.

          6 Min.

          Der Winter hat die Bergstraße an diesem Tag noch fest im Griff. Das Haus von Christian Frommert liegt eingeschneit zwischen Waldrand und Schnellstraße. Der Bach, der sich um die Terrasse schlängelt, ist zugefroren. Es ist kalt. Auch Christian Frommerts Hände sind es. An zwei seiner dürren Finger trägt er silberne Ringe, einen klotzigen, einen schmalen. Frommert hat eine dicke Wolljacke an. Ihm ist kalt. Nicht nur seine Hände, auch die Füße sind eisig – und das nicht nur an solchen Wintertagen. Seit über drei Jahren lebt Frommert mit der Kälte, seit er krank geworden ist, seit er nichts mehr isst. Frommert ist ein Mann von sechsundvierzig Jahren, und er hat Magersucht. Es ist Viertel nach eins an diesem Montag.

          Herr Frommert, was haben Sie heute schon gegessen?

          Nichts. Bis auf einen Kaugummi, aber das kann man ja nicht ernsthaft essen nennen.

          Und haben Sie Hunger?

          Ich habe mir den Hunger nicht abgewöhnt, ich habe Hunger und versuche, mich mit allen Mitteln von dem Hungergefühl abzulenken. Ich weiß, jetzt kommt gleich die Frage, warum ich nicht einfach esse. Das ist schwer zu verstehen, es ist das Krankheitsbild. Ich bin nur stark und diszipliniert, habe den inneren Kampf nur gewonnen, wenn ich nichts esse.

          Haben Sie vor, heute noch etwas zu essen - und vor allem, was?

          Heute Abend zwischen 18 und 19 Uhr. Ein bisschen Gemüse und mit Kräutern gewürzten Magerquark, wie immer, auf keinen Fall Kohlenhydrate, die lasse ich im Moment wieder komplett weg, abends zumal. Die Menge, die ich gegessen habe, war schon mal besser. Zurzeit geht es mir wegen persönlicher Dinge und vieler Einflüsse von außen nicht so gut. Das schlägt sich dann sofort in meinem Essverhalten nieder.

          Sie essen immer strikt um diese Zeit?

          Ja, immer zwischen 18 und 19 Uhr. Ich brauche solche Rituale. Zum Essen verwende ich auch seit Jahren denselben Teller und dasselbe Besteck. Besonders wichtig ist der kleine Löffel.

          Frommert steht auf und geht in die Küche. Nach wenigen Sekunden kommt er zurück, in der Hand einen silbernen Laborlöffel mit einer abgeknickten, stecknadelkopfgroßen Kelle. Dass Frommert mit ihm jeden Tag seinen Magermilchjoghurt löffelt, sieht man dem Besteck an. Durch einen solchen Löffel kann Frommert die Menge des Essens, die er zu sich nimmt, besser steuern als mit einem normalen Essgerät.

          All diese Rituale sind für gesunde Menschen unbegreiflich. Für Angehörige ist der Umgang mit Magersüchtigen deshalb oft schwierig. Haben Sie aus Ihrer Erfahrung heraus ein paar Tipps für das Umfeld von Magersüchtigen?

          Das ist schwierig. Das wäre ja eine Gebrauchsanweisung gegen die Magersucht, und die gibt es nicht. Wichtig ist: kein Mitleid, hartnäckige Hilfe und sich nicht blenden lassen. Man kann als Magersüchtiger nicht verstehen, warum sich alle Sorgen machen. Man selbst denkt sich: Ich sterbe doch nicht an der Magersucht, was wollen die alle? Man empfindet es als maßlos, dass sich jemand in die eigenen Essgewohnheiten einmischen will, und beginnt, sich Ausreden und Lügen zu überlegen: Sorry, kein Hunger, ich habe schon gegessen. Man lebt in seiner eigenen Welt. Von so etwas dürfen sich Angehörige nicht beeindrucken lassen. Sie sollten ruhig dem eigenen Verdacht nachgehen, sich über das Krankheitsbild informieren und an dem Menschen dranbleiben. Meine Schwester ist sehr weit gegangen, sie wollte mich entmündigen lassen. Letztendlich war das, auch wenn ich das damals nicht gesehen habe, ein Schritt in Richtung Therapiebeginn. Das hat mir vermutlich das Leben gerettet.

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