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Krankenhausinfektionen : Der Kampf gegen den Keim

  • -Aktualisiert am

Aushang für Krankenhäuser: Anleitung zur Keimbefreiung der Hände beim Waschen. Bild: ASH 2008-2013

Bis zu 15 000 Menschen sterben jedes Jahr an den Folgen einer Krankenhausinfektion. Für nur rund 100 Euro könnten viele Todesfälle verhindert werden.

          Bei der älteren Dame hat sich die Operationswunde entzündet. Die genähte Stelle ist rot, schmerzt, will einfach nicht heilen. Eigentlich sollte sie nur die Hüfte operiert bekommen und nach kurzer Zeit gesünder wieder entlassen werden. Nun liegt sie aber schon seit Tagen, abgeschottet von der Außenwelt und dem Stationsalltag, in einem Isolationszimmer. Betreten darf man dieses nur „verkleidet“, wie medizinisches Personal das Anziehen von Schutzkleidung gerne charmant umschreibt: Haube, Kittel, Handschuhe, Mundschutz, Überzieher für die Straßenschuhe.

          Jedes Jahr infizieren sich in Deutschland 500 000 bis 600 000 Menschen im Krankenhaus mit einem Keim. Etwa 10 000 bis 15 000 von ihnen sterben daran. Rund 20 bis 30 Prozent der Infektionen wären nach Angaben der Berliner Charité vermeidbar. Dazu müssten Patienten aber besser aufgeklärt werden, Gesundheitseinrichtungen mehr Wert auf Hygienestandards legen und das Gesundheitssystem auf Prävention setzen.

          Um herauszufinden, warum bei der älteren Dame, die eigentlich nur ihre Hüfte operiert bekommen sollte, die Wunde nicht heilt, haben die Ärzte einen Wundabstrich genommen. Mit einem Tupfer haben sie vorsichtig über die wunde Hautstelle gestrichen und den Tupfer danach ins Labor geschickt. Wenige Tage später stand das Ergebnis fest: Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus (MRSA). Ein Bakterium, das gegen die meisten Antibiotika resistent und damit schwer zu bekämpfen ist.

          Dieser Erreger zählt in seiner resistenten, aber auch nicht resistenten Form zu den „üblichen Hautbesiedlern“, sagt Stefan Herget-Rosenthal, Chefarzt des Roten-Kreuz-Krankenhauses in Bremen. Ein gesunder Träger des Keims erkrankt normalerweise nicht daran, sondern profitiert sogar von dem Schmarotzer. Er sorgt für das Entstehen eines Schutzfilmes, der die Haut vor Austrocknung bewahrt. Gelangt der Erreger aber, etwa mit dem Legen eines Katheters oder der Implantation eines künstlichen Gelenks, ins Gewebe und in die Blutbahn, kann er Infektionen auslösen.

          Ob Patienten schon vor der Aufnahme ins Krankenhaus Träger des Keims waren oder das Bakterium erst in der Klinik übertragen bekommen haben, lässt sich häufig nicht klären, denn in den wenigsten Fällen werden Patienten vor einer geplanten Aufnahmen ins Krankenhaus auf MRSA untersucht. Das System vernachlässigt die Prävention und kümmert sich vor allem um die Kranken. Dabei verursachen die Infektionen oft hohe Kosten. So schlägt die Implantation eines Knie- oder Hüftgelenks mit 8000 bis 10 000 Euro zu Buche. Erkrankt der Patient wegen einer Infektion und wird gar als Intensivpatient dialyse- und beatmungspflichtig, können die Kosten für die Krankenkasse rasch auf 120 000 Euro steigen. Doch solche Zahlen scheinen bei Entscheidungen der Kassen keine Rolle zu spielen.

          Kein unabwendbares Schicksal

          Bei etwa einem Prozent aller Gelenkimplantationen soll es zu Infektionen kommen. Das klingt zunächst nach wenig. Aber angesichts von 320 000 solcher Eingriffe im Jahr geht es alleine bei diesen Operationen um mehr als 3000 Menschen, die unter den Folgen einer Krankenhausinfektion leiden.

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