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Kosmetik für Krebspatientinnen : Was ein wenig Farbe im Gesicht bewirkt

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Unbeschwerte Momente wie dieser dürften ganz im Sinne der Organisatoren sein. Denn eines der erklärten Ziele der „look good feel better“-Seminare ist es, den Patientinnen zwei Stunden zu schenken, in denen es endlich einmal nicht in ernstem Tonfall um medizinische, sondern um vermeintlich triviale Fragen geht: Wie wird aus einem verpatzten doch noch ein elegant geschwungener Lidstrich? Welche Pflege ist für die empfindliche und ungeschützte Kopfhaut am besten? Hält Wimpernserum aus der Drogerie, was es verspricht? Und passt goldener Glitzer-Lidschatten zu grünen Augen?

„Auch Krebspatientinnen wollen schön sein und sich so fühlen“, betont Anke Frahm, wenn Nichtbetroffene sie fragen, ob die Erkrankten denn keine anderen Sorgen hätten. Frahm führt ein Kosmetikstudio in der Nähe des schleswig-holsteinischen Bad Segeberg und leitet ebenfalls ehrenamtlich „look good feel better“-Seminare. „Es geht hier nicht nur um den perfekten Lidstrich, sondern darum, gemeinsam einen schönen Nachmittag zu verbringen und an etwas anderes als an die Krankheit zu denken“, sagt Frahm. Ihre Motivation ist eine ganz persönliche: Sie hat selbst zwei Krebserkrankungen hinter sich und weiß aus eigener Erfahrung, dass schon ein wenig Farbe im Gesicht viel bewirken kann.

Nun gibt sie ihr Wissen an Frauen weiter, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen. „Wenn man selbst gesundet, entwickelt man eine Art schlechtes Gewissen denen gegenüber, die noch krank sind“, erklärt sie mit fast entschuldigendem Lächeln. „Ich kenne den Weg, den man geht“, sagt Frahm zu den Teilnehmerinnen, die an einem grauen Dezember-Nachmittag im Universitätsklinikum Kiel eingetroffenen sind: „Es gibt gute und schlechte Tage. Und heute machen wir einen guten Tag daraus.“ Es wird sogar ein sehr guter Tag – dank Anke Frahm und dank der Patientinnen. Die beweisen nämlich einen so offenen und humorvollen Umgang mit den Auswirkungen ihrer Therapien und Behandlungen, dass ihr immer wieder aufbrausendes Gelächter bis ins Schwesternzimmer am anderen Ende des Flurs zu hören ist.

Das Lachen hat Vorrang

Da ist die Patientin, die sich bei der Begrüßung durch die schulterlangen Haare fährt und lächelnd erklärt: „Noch habe ich sie. Aber nicht mehr lange, nächste Woche geht die Behandlung los.“ Statt beklommener Stille erntet sie hierfür verständnisvolle Lacher und aufmunternde Worte: „Aber sie kommen ja auch wieder!“ Da ist die ältere Dame, die unermüdlich und mit norddeutscher Herzlichkeit alle anderen Teilnehmerinnen ermutigt, noch ein bisschen mehr Rouge und Lidschatten aufzutragen: „Das Gesicht ist ja nun mal das Einzige, womit wir momentan punkten können.“ Und da ist die junge Mutter, bei der während der Schwangerschaft Brustkrebs diagnostiziert wurde und die mit glucksendem Lachen von ihrem Umgang mit Wimperntusche seit der Erkrankung erzählt: „Auch die letzten drei Wimpern, die ich noch habe, schminke ich hartnäckig.“ Ihre Sitznachbarin nickt zustimmend: „Wir malen einfach alles an, was noch da ist.“ Beide müssen kurz innehalten. Das Lachen hat Vorrang.

Innerhalb kürzester Zeit ist der Raum erfüllt von solidarischer Offenheit. Das gemeinsame Abschminken wird mit einem trockenen „Jetzt kommt die Wahrheit ans Licht“ kommentiert, zwischen dem Fachsimpeln über Puder-Pinsel und Rouge-Töne, Perücken und Haarteile werden Nebenwirkungen der Chemotherapie, Risiken brusterhaltender Operationen und Sorgen um die Kinder diskutiert. Das alles geschieht in einem Tonfall, der alles andere als betroffen klingt – gerade weil es Betroffene sind, die sich hier austauschen. Ganz ungestört und ganz ohne Rücksicht auf die Befindlichkeiten anderer.

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