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Wechseljahre mit 26 : „Jedes Mal wie ein Schlag ins Gesicht“

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Im persönlichen Umfeld wird die Krankheit meist nicht so ernst genommen

Ihrer Mutter und engen Freunden hat sie anfangs von der Diagnose erzählt. Doch sie wurde das Gefühl nicht los, dass sie nicht ernst genommen wird. „Viele verstehen nicht, dass es wirklich nicht mehr rückgängig zu machen ist.“ Ach, das wird schon wieder, halb so schlimm, heiße es da. Mit ihrer Mutter redet Sabrina inzwischen gar nicht mehr über das Thema. Ab und an begleiten Freunde sie zu Arztbesuchen.

Frühe Wechseljahre können sehr dramatisch werden, vor allem, wenn die eigene Familie es nicht ernst nimmt und der Kinderwunsch weiter besteht.

Weil es ihr in der Zeit ohne Behandlung immer schlechter ging, vor allem aber, weil das hohe Osteoporose-Risiko ihr Angst machte, ist Sabrina im Frühjahr erstmals nach drei Jahren wieder zu ihrer Frauenärztin gegangen. Nach einem Hormonpräparat, von dem sie starke Bauchschmerzen bekam, wechselte sie auf ein besser verträglicheres. Seither hat sie wieder ein paar Kilo abgenommen. Die Hitzewallungen gingen schnell zurück, sie ist längst nicht mehr so müde und gereizt.

Damit hat sie die medizinische Seite nun mehr oder weniger im Griff. Doch noch mehr als Hitzewallungen und Müdigkeit belastet die 31-Jährige seit der Diagnose das, was für viele Frauen mit Anfang, Mitte 30 ein Thema ist: Kinder und Familie.

Eigentlich, sagt Sabrina über sich selbst, sei sie eine glückliche und optimistische Frau. Eine Frau, die sich unbedingt Kinder wünscht, so wie viele ihrer Freunde. Ja, sie freue sich natürlich mit, wenn wieder eine Freundin schwanger werde. „Es ist aber auch jedes Mal wie ein Schlag ins Gesicht.“ Wenn es keine enge Freundin ist, vermeidet Sabrina einige Monate lang den Kontakt. Fragen Bekannte sie nach ihrem eigenen Kinderwunsch, erwidert Sabrina, sie möge keine Kinder. „Dann sind die Leute nicht so aufdringlich, und ich schütze mich vor unnötigem Schmerz.“

Der Kinderwunsch besteht weiterhin

Sabrinas letzte Beziehung ging auseinander, als sie die Diagnose schon erhalten hatte. Mit den vorzeitigen Wechseljahren hatte das nichts zu tun. „Mein damaliger Freund hat eigentlich recht gut reagiert, gesagt, dass er für mich da ist, dass wir uns ja mal in einer Kinderwunschklinik informieren könnten.“

Aber eigentlich fühlte sie sich mit dem Thema doch immer komplett allein. Sie weint beim Erzählen. Noch immer, jedes Mal, wenn sie darüber spricht. Der Gedanke, wie sie sich verhalten, was sie wann sagen soll, wenn sie wieder einmal einen Mann näher kennenlernen sollte, ist oft präsent. „Kann ich das jemandem antun, jemanden mit reinziehen, der eigentlich nichts damit zu tun hätte?“ Zumal ihr Kinderwunsch noch immer besteht, vielleicht mehr als je zuvor.

In den vergangenen Monaten hat sie sich viel mit den Möglichkeiten einer Adoption auseinandergesetzt, für später einmal, zur Sicherheit. Wenn Adoption für einen Partner undenkbar wäre, sagt sie, könne die Beziehung womöglich daran scheitern.

Dabei hatte sich Sabrina seit der Diagnose eigentlich vorgenommen, ihr Leben nicht mehr so stark vorzuplanen. Es komme eh anders.

Interview mit Gynäkologin Melanie Henes

Die Gynäkologin Melanie Henes behandelt an der Uniklinik in Tübingen Frauen, deren Menopause früh beginnt. Die Ärztin kann bei Beschwerden helfen - und manchmal auch beim Wunsch nach einem Kind.

Bei den meisten Frauen beginnen die Wechseljahre zwischen 50 und 55 Jahren. Wann handelt es sich um besonders frühe Wechseljahre - und wie viele Frauen sind betroffen?

Man spricht nur dann von vorzeitigen Wechseljahren, wenn sie vor dem 40. Geburtstag beginnen, auch wenn ein Beginn zwischen 40 und 50 natürlich ebenfalls noch recht früh ist. In Deutschland gehen wir von mehr als einem Prozent der Frauen im fruchtbaren Alter aus. Das heißt, dass mehr als eine von 100 Frauen im Zeitraum zwischen der Pubertät und 40 Jahren betroffen ist - meiner Ansicht nach doch ziemlich viele.

Zumindest in Anbetracht dessen, dass eigentlich niemand über das Thema spricht.

Genau. Die meisten Frauen, die ich hier an der Uniklinik betreue, hatten zuvor noch nie davon gehört. Häufig wird erst einmal abgewartet, aber irgendwann wird das Warten auf die Periode dann doch zu lang.

Unterscheiden sich die Symptome bei vorzeitigen Wechseljahren eigentlich von denen normaler Wechseljahre?

Nein, das ist in beiden Gruppen im Prinzip gleich. Viele Frauen leiden unter Stimmungsschwankungen und Libidoverlust, oder sie bekommen trockene Schleimhäute, Schlafstörungen und Hitzewallungen.

Wer als junge Frau mal eine schlechtere Stimmung hat und eine unregelmäßige Periode, denkt aber sicher nicht gleich an Wechseljahre, sondern vielleicht eher an Stress. Wann sollten Frauen besser doch zum Arzt gehen?

Wenn die Periode überhaupt nicht mehr kommt, würde ich das auf jeden Fall innerhalb von drei bis sechs Monaten ärztlich abklären lassen. Oft wird die Untersuchung dann zeigen, dass alles in Ordnung ist. Aber wenn es sich doch um den einen von 100 Fällen vorzeitiger Wechseljahre handeln sollte, ist es gut, wenn man das früh diagnostiziert.

Woran liegt es, dass manche Frauen so viel früher als andere betroffen sind?

Man muss ehrlich sagen, dass wir die Gründe häufig nicht kennen. Wir machen derzeit eine Studie, in der der Zusammenhang mit bestimmten Autoimmunerkrankungen untersucht wird. Und es gibt klassische Ursachen, etwa wenn Frauen ihre Eierstöcke entnommen bekommen oder eine Chemotherapie gemacht haben. Die sind dann aber meist besser vorbereitet.

Wie stellt ein Arzt die Diagnose?

Als Erstes macht man natürlich die Anamnese - schwitzt die Patientin besonders viel, ist sie gestresster als sonst, vielleicht reizbarer? Dann wird ein Ultraschall von Gebärmutter und Eierstöcken gemacht und der Hormonspiegel im Blut gemessen. Wenn das Östrogen besonders niedrig ist, die Gonadotropine erhöht, die ovarielle Reserve nicht mehr nachweisbar ist und sich keine Gebärmutterschleimhaut aufbaut, geht man von vorzeitigen Wechseljahren aus. Zur Sicherheit würde ich aber immer zwei Bluttests machen. Denn es ist ja schon eine gravierende Diagnose für die Frauen.

Welche medizinischen Folgen hat sie für die Betroffenen?

Aus ärztlicher Sicht gibt es zwei große Themen. Das eine ist ein möglicher Kinderwunsch, das andere die Hormontherapie. Junge Frauen haben ein besonders hohes Risiko, später Osteoporose und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu entwickeln. Es ist Standard, dass man ihnen bei vorzeitigen Wechseljahren die Hormone gibt, die ihr Körper eigentlich selbst produzieren würde. Aber nur so lange, bis die natürlichen Wechseljahre eintreten würden, also bis etwa 50.

Also ähnlich der Hormonersatztherapie in den Wechseljahren, die ja auch mit Risiken behaftet ist?

Nein, es handelt es sich um etwas ganz anderes. Eine Frau mit 25 braucht zwingend ihre Hormone. Viele junge Frauen sind ziemlich erleichtert, wenn die Hormontherapie bei ihnen beginnt, und sagen: „Jetzt geht es mir endlich wieder gut.“ Das, was man bei Hormongaben befürchtet, ist das Entstehen einer Thrombose. Aber das hat man im Griff, wenn eine Frau keine weiteren Risikofaktoren mitbringt.

Wenn bei einer Frau mit 20 oder 30 vorzeitige Wechseljahre festgestellt werden - gibt es für sie noch irgendeine Möglichkeit, schwanger zu werden?

Wenn man sie in einem frühen Stadium entdeckt, dann ja. Die Frauen befinden sich zum Beispiel kurz davor, bekommen aber zumindest noch unregelmäßig ihre Periode und besitzen eine Eierstockreserve, wenn auch eine sehr niedrige. In diesen Fällen kann man eine klassische Kinderwunschtherapie beginnen, bei der allerdings mit einer deutlich höheren Dosis als normal stimuliert wird. Das Problem ist, dass viele Frauen die Pille nehmen und lange überhaupt nicht merken, dass ihre Blutungen eigentlich unregelmäßiger kommen würden. Bis sie die Pille absetzen - und die Periode dann eben womöglich gar nicht mehr auftritt.

Und wie lange ist das Zeitfenster, in dem es noch nicht zu spät für ein eigenes Kind wäre?

Das lässt sich nicht pauschal sagen. Bei manchen ein paar Monate, bei anderen Jahre. In unserer Klinik hatten wir mal eine 14-jährige Krebspatientin, die eine Stammzelltransplantation bekommen hatte. Sie war wohl noch nicht einmal in die Pubertät und dann direkt in die Wechseljahre gekommen. Aber solche Fälle gibt es zum Glück sehr selten.

Die Fragen stellte Kathrin Runge.

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