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Klicksonar-Technik : „Ich kann die Hindernisse doch hören“

  • -Aktualisiert am

Juan Ruiz bringt Paul die Klicksonar-Technik bei. Der blinde Lehrer kann damit sogar Mountainbike fahren. Bild: Andreas Pein

Es funktioniert wie bei einer Fledermaus: Mit Schnalzlauten können Blinde sich auch in fremder Umgebung orientieren. Doch in Deutschland haben nur wenige die Möglichkeit, die Technik zu lernen.

          Bevor Juan Ruiz die Kastanienallee in Berlin-Prenzlauer Berg überquert, schnalzt er laut mit der Zunge und lauscht. Die Kastanienallee ist eine stark genutzte zweispurige Straße, die von Prenzlauer Berg im Norden der Stadt in Richtung Berlin-Mitte führt. Von rechts kommen jetzt mehrere Autos, von links ein Fahrradfahrer und gleich dahinter die Trambahn. Ein paar Meter weiter laden Mitarbeiter der Müllabfuhr polternd Abfallcontainer auf ihren Wagen. Eine Gruppe Schulkinder steigt lachend aus einem Bus, und von etwas weiter entfernt dröhnen die Rotorblätter eines Helikopters herüber. Ruiz schnalzt noch einmal mit der Zunge und lauscht wieder. Jetzt ist die Straße frei, und er überquert sie mit zielstrebigen Schritten.

          Ruiz, 34, kommt aus Tala, einer Kleinstadt mit 56 000 Einwohnern in der Mitte Mexikos, rund 600 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Mexico City. Aufgewachsen ist er in Los Angeles. Seit zwei Jahren lebt er in Wien. Ruiz ist ein kleiner Mann mit dichtem schwarzen Haar und einem ansteckenden Lachen. An diesem Vormittag im Oktober trägt er eine graue Strickjacke, ein schwarzes Poloshirt und eine schwarze Jeans.

          Mit Schnalzlauten Objekte erkennen

          Ruiz ist seit seiner Geburt blind. Grund dafür ist eine besonders schwere Form des Grünen Stars, der eine der häufigsten Ursachen für Blindheit ist. Dass er sich so frei durch die Straßen einer ihm unbekannten Großstadt bewegt, liegt an einer besonderen Technik, mit der er sich seit seiner Kindheit orientiert. Nur wenige Menschen auf der Welt beherrschen sie so perfekt wie Ruiz: die Klicksonar-Technik.

          „Es funktioniert wie bei einer Fledermaus, die kann ja auch nichts sehen“, erklärt Ruiz. „Ich schnalze mit der Zunge, und durch das Echo, das ich von den Dingen um mich herum zurückbekomme, weiß ich, ob sich vor mir ein Hindernis befindet.“ Wenn er hier an der Straße den Kopf zur Seite dreht und wieder schnalzt, kann er herausfinden, ob ein großes oder kleines Objekt auf ihn zukommt, und daraus beispielsweise schlussfolgern, ob es sich um ein Auto oder einem Radfahrer handelt. Große Objekte werfen ein deutlicheres Echo zurück als kleine. Im Laufe der Jahre hat Ruiz gelernt, wie ein Kinderwagen klingt und wie sich ein Tisch anhört. Er findet Hauseingänge, weil sie hohl klingen, anders als die flachen Hauswände. Es ist eine Mischung aus erlerntem Weltwissen und einem extrem gut trainierten Gehör, mit dem er sich durchs Leben bewegt.

          Eine akustische Landkarte

          Für viele Blinde, die ausschließlich mit ihrem Blindenstock unterwegs sind, beschränkt sich der Bewegungsradius meist auf gelernte Wege: auf den Weg zum Schulbus, zur Arbeit oder zum Supermarkt. Sie lernen ihn auswendig. Wissen, wann sie wo abbiegen müssen. „In einer fremden Umgebung ist ein Blinder mit dieser Methode praktisch hilflos“, sagt Ruiz. Klicksonar ist daher für viele Blinde eine Technik, die ihr Leben verändern und sie von der Hilfe anderer deutlich unabhängiger machen kann. In Deutschland ist die Methode bislang wenig verbreitet. Einer der Gründe: Weltweit gibt es neben Ruiz nur vier weitere Klicksonar-Trainer.

          Weil Ruiz Klicksonar seit mehr als 20 Jahren anwendet, nutzt sein Gehirn auch solche Geräusche, die das eines sehenden Menschen ausblendet. In Untersuchungen, an denen auch Ruiz teilgenommen hat, haben Ärzte die Gehirne blinder Menschen in einem Magnetresonanztomographen beobachtet. Sie spielten ihnen Klicksonar-Echos vor und stellten fest, dass dabei ihr Sehzentrum aktiviert wird. Ruiz sagt, dass in seinem Kopf eine Art akustische Landkarte entsteht, die er für sehr lange Zeit abspeichert. Er sagt von sich selbst, dass er einen Ort, den er einmal besucht hat, auch nach Jahren noch anhand seines individuellen Geräuschprofils wiedererkennt.

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