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Klarträume : Fliegen lernen

  • -Aktualisiert am

Forschung kann zur Behandlung von Krankheiten beitragen

Für die Wissenschaft geht der Nutzen des Klarträumens weit über das bloße „Spaß haben“ hinaus. Besonders für die Behandlung psychiatrischer Störungen erhoffen sich Forscher wie der Psychologe Martin Dresler vom Donders Center for Cognitive Neuroimaging an der Universität Nijmegen Erkenntnisse aus der Klartraumforschung. Schon heute wird das Klarträumen beispielsweise zur Albtraumbehandlung eingesetzt, denn ein Traum, dessen Inhalt man selbst bestimmt und beeinflusst, kann nicht furchteinflößend sein, so die Idee hinter dieser Therapie.

Doch auch darüber hinaus könnten sich die Ergebnisse der Klartraumforschung als nützlich erweisen, zum Beispiel bei der Behandlung von Schizophrenie. In einem im vergangenen Jahr erschienenen Fachartikel halten Dresler und seine Kollegen fest, dass der Zustand von schizophrenen Patienten dem Traumzustand gleicht: Das sekundäre Bewusstsein ist stark eingeschränkt. Beim Klartraum wird diese kognitive Einschränkung durchbrochen, der Träumer ist sich seines Traumzustands plötzlich bewusst. „Wenn wir verstehen, wie diese Einsicht zustande kommt und wie man sie vielleicht sogar trainieren kann, dann wäre das eine potentielle Behandlungsmethode für schizophrene Patienten“, erklärt Dresler.

Auch Daniel Erlacher vom Institut für Sportwissenschaft der Universität Bern erforscht die Klarträume, aber mit einem ganz anderen Ziel als Ursula Voss und Martin Dresler. Erlacher möchte herausfinden, ob man Bewegungsabläufe lernen kann, ohne sich zu bewegen - quasi im Schlaf zur Goldmedaille.

Klartraumforum - größtes Forum im deutschsprachigen Raum

In einer Studie ließ der Sportwissenschaftler Klarträumer zum Beispiel das Münz-Werfen trainieren. Am nächsten Morgen testete er, ob die Klarträumer bessere Ergebnisse erzielten als zwei Kontrollgruppen. Die erste Kontrollgruppe war nachts aufgestanden, um tatsächlich zu trainieren, die andere hatte gar nicht trainiert. Das Ergebnis: Die Klarträumer waren nicht so gut wie die Probanden, die tatsächlich das Münz-Werfen geübt hatten, aber besser als die, die gar nicht trainiert hatten.

Voss, Dresler und Erlacher sind sich einig, dass es auf dem Gebiet der Klartraumforschung noch viele offene Fragen gibt. Erlacher findet es deshalb nicht verwerflich, dass sich die Hobby-Klarträumer in Foren über die besten Klartraum-Techniken (siehe Kasten unten) austauschen. „Die eine erfolgreiche Technik gibt es noch nicht. Vielleicht findet dann jemand etwas, das für ihn hilfreich ist, was auch anderen nutzt. Das ist doch dann wunderbar.“

Erlacher selbst hat vor zehn Jahren das „Klartraumforum“ - das heute größte Forum im deutschsprachigen Raum - mitgegründet. Auch mit dem Hintergedanken, dort Probanden zu finden. Mittlerweile ist er dort aber aus zeitlichen Gründen nicht mehr aktiv.

Auch Thomas Proksch ist nur noch selten in Internetforen unterwegs. Zusammen mit seinem Cousin macht er jetzt lieber Youtube-Videos zum Thema Klarträumen. „Wir wollten den ganzen falschen Informationen - auch von vermeintlich seriösen Quellen -, die Klarträumer als okkulte Gemeinschaft darstellen, etwas entgegensetzen.“ Und ein wenig wollen sie auch von ihrer Faszination weitergeben.

Kann man das Klarträumen lernen?

In zehn Schritten zum Klartraum - ganz so leicht ist es nicht. „Bis jetzt gibt es noch keine wirkliche Anleitung, die perfekt funktioniert“, sagt Psychologe Martin Dresler. Trotzdem hat er ein paar Tipps. Oft reiche es schon, sich ernsthaft mit den eigenen Träumen zu beschäftigen, sagt er. Zum Beispiel, indem man ein Traumtagebuch führe. Wer dabei entdeckt, dass er immer wieder von denselben Dingen träumt, kann das nutzen. „Wenn Sie häufig von Ihrer Grundschule träumen, dann können Sie sich vor dem Schlafengehen ein Bild der Grundschule vor Augen holen und sich dabei einreden: Ich träume jetzt, ich träume jetzt“, sagt Dresler. „Wenn Sie das regelmäßig tun, erhöht sich die Chance, dass Sie, wenn die Grundschule das nächste Mal im Schlaf auftaucht, automatisch denken: ,Ich träume jetzt.‘“ Auch im Alltag könne man sich immer wieder fragen: „Träume ich?“ Selbst wenn man ganz sicher wach sei. So erhöhe sich die Chance, dass man sich die Frage auch im Traum stelle. „Der zweite Schritt ist dann, kleine Tests zu machen, die zeigen können, ob ich wach bin oder träume“, erklärt der Psychologe. Zum Beispiel hochspringen und schauen, ob man ganz normal landet oder langsam zu Boden schwebt. „Das funktioniert im Wachzustand natürlich nicht, aber im Schlaf schon. Wenn ich solche kleinen Tests tagsüber zur Angewohnheit mache, dann überträgt sich das auch in den Schlaf.“

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