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Kinderchirurgie : Wie eine zweite Geburt

Bilderbuch über den Alltag im Krankenhaus: Am liebsten mag der drei Jahre alte Tim diese Zeichnung. Sie zeigt den Tag der Entlassung. Bild: Ravensburger

Wenn Eltern ihr erst wenige Wochen altes Baby operieren lassen müssen, ist das ein schwerer Schritt. Doch die moderne Kinderchirurgie ist heute zu Erstaunlichem fähig. Zum Beispiel im Fall des kleinen Matti.

          8 Min.

          Seit knapp 15 Minuten liegt Silke Hank* nun schon in dem brummenden Kernspintomographen in der Tübinger Uniklinik. Die Schnittbilder, die das gewaltige ringförmige Gerät von ihrem Oberkörper macht, können die Ärzte, die in einem abgedunkelten Raum hinter einer Glasscheibe sitzen, sofort auf ihren Computerbildschirmen sehen. Eigentlich sollte die Untersuchung gar nicht so lange dauern, aber Radiologe Jürgen Schäfer benötigt weitere Aufnahmen. Auf den bisherigen Bildern kann er die Luftröhre noch nicht richtig erkennen. Zu sehr zappelt der kleine Mann im Bauch der Mutter umher, sieht der Arzt beim Blick auf den Bildschirm.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Hank ist im achten Monat schwanger. Ihr ungeborener Sohn hat einen Lungensequester. Dieses Lungengewebe, das nicht an die Lunge angeschlossen, sondern unabhängig davon im Brustkorb des Ungeborenen wächst, wurde bei einer Ultraschalluntersuchung entdeckt. Die wenigen Zentimeter Lunge am falschen Ort sind nicht funktionsfähig und führen bei Matti, wie Hanks Sohn einmal heißen soll, zu keinen Beschwerden. Er entwickelt sich ganz normal. Nichts Auffälliges konnte ihr Frauenarzt bisher entdecken. Und trotzdem: Hank, ihr Ehemann und die Ärzte wollen die Sicherheit, dass Matti neben dem Sequester nicht noch andere Fehlbildungen an der Lunge hat, dass sich Herz und Blutgefäße richtig entwickeln und das Stückchen Lunge nicht den Blutkreislauf behindert, aber vor allem dass die Luftröhre durchgängig ist.

          Eine satte Mutter hält das ungeborene Kind bei Laune

          Je länger die Untersuchung im Kernspintomographen dauert, desto schwieriger wird es für die Kinderradiologen, aussagekräftige Bilder zu erhalten. „Das Gerät ist sehr laut, da wird das Ungeborene unruhig und beginnt zu zappeln“, sagt Schäfer. Der beste Trick, das Kind möglichst lange bei Laune zu halten, „ist eine satte Mutter. Dann nämlich ist auch das Kind nicht hungrig, sondern müde und träge.“ Doch Silke Hank hat nur gefrühstückt. Matti ist schneller als das Gerät. Kaum erahnen die Ärzte das Organ, hat sich Matti schon gedreht. Nach über zwanzig Minuten erblickt Kinderradiologe Schäfer auf dem Bildschirm endlich, was er sucht: einen wenige Millimeter großen weißen Kreis, die Luftröhre. Er ist zufrieden und Mutter Hank erleichtert. Auf den Aufnahmen sind keine weiteren Auffälligkeiten zu erkennen.

          Die Untersuchung im Kernspintomographen sollte aber nicht nur Sicherheit bringen; sie ist auch schon Teil der Operationsvorbereitung. Matti soll nämlich gleich in den ersten Wochen nach seiner Geburt operiert, das Stückchen Lunge vom falschen Ort entfernt werden. Ein solcher Lungensequester ist per se nicht gefährlich, das bestätigt Schäfer Silke Hank im Gespräch, aber das abgekapselte Gewebe kann, wenn es wächst, das Lungenvolumen einschränken, weil es der Lunge Platz wegnimmt. Es kann bei besonderen Mischformen im Laufe des Lebens entarten oder zu gehäuften Infekten führen. Früher, ohne moderne Diagnostik, hat man solche Fehlbildungen nicht entdeckt; da haben auch Erwachsene noch mit einem Sequester gelebt. Heute aber entspricht es dem Standard, die Kinder bald nach der Geburt zu operieren.

          Aufnahmen aus dem Mutterleib sind eine gute Orientierung

          Alle Aufnahmen, welche die Ärzte schon vor der Geburt von dem kleinen Körper haben, müssen sie danach nicht noch einmal machen. „Legt man Säuglinge in einen Kernspintomographen, muss man sie betäuben“, erläutert Schäfer. „Das will man vermeiden, genauso wie die Strahlenbelastung von Röntgenuntersuchungen.“ Aufnahmen aus dem Mutterleib seien häufig eine gute Orientierung; wenn man Glück habe, müsse man vor der Operation nur noch eine Ultraschalluntersuchung machen.

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