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Kinderarmut : Deutschlands Hungerleider

Oft nichts zu essen: Die Kinderarmut wächst Bild: ddp

Die Kinderarmut in Deutschland steigt: Viele Schüler können sich zu Hause nicht einmal mehr jeden Tag satt essen. Die Suppenküche ist oft die einzige Zuflucht. Mit viel Engagement versuchen dort ehrenamtliche Helfer, den Kindern ein Familienersatz zu sein.

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          Ein lichtdurchfluteter Raum, sechs reichgedeckte Tische mit gelben Wachstischdecken. „Soll ich öffnen?“, ruft eine der Mitarbeiterinnen nach hinten, in die Küche. „Ja“, ruft es zurück. Sie schließt die Tür auf, über eine kleine Treppe drängen zwei Kinder in den Raum. Sie stürzen sich, die Jacken noch an, auf den erstbesten Tisch und stopfen sich jeder eine der Brötchenhälften mit Schokoaufstrich in den Mund, die dort bereit liegen. Sie essen im Stehen, gucken nicht links und nicht rechts. Erst nach einigen Minuten gierigen Kauens sind sie ansprechbar. Freimütig erzählt der sechs Jahre alte Nick (alle Kindernamen von der Redaktion geändert), dass er heute bis auf die Brötchenhälfte noch nichts gegessen hat, „nur getrunken, Cola“. Seine siebenjährige Schwester sagt, sie habe in der Schule gefrühstückt.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nicht erst seit in Deutschland von immer neuen Fällen vernachlässigter Kinder berichtet wird, kümmert sich Inge Rehbein um Mädchen und Jungen, die zu Hause oft nicht einmal genug zu essen bekommen. Bereits vor zwei Jahren hat die gelernte Familienpflegerin darum in den Räumen der evangelischen Kirche in Gütersloh eine Kindersuppenküche mit angrenzenden Spielzimmern eröffnet. Seitdem kommen jeden Freitag zwischen 13 und 15 Uhr etwa 30 bis 40 Kinder zum Mittagessen, zum Teil mit ihren Eltern. Doch die etwa 60 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen der Suppenküche wollen den Kindern noch mehr bieten als eine warme Mahlzeit - sie wollen ihnen Werte wie Respekt und Toleranz vermitteln.

          „Hier essen unsere Gäste von morgen“

          „Als wir hier angefangen haben, haben wir das Gefühl gehabt, so, wie manche Kinder sich äußern, gucken sie zu Hause den ganzen Tag Pornofilme und sind gewaltbereit“, sagt Inge Rehbein. Inzwischen habe sich das geändert: „Wir sind an sie rangekommen.“ Wärme und Verlässlichkeit bieten die Mitarbeiterinnen den Kindern, sie stärken sie und vertrauen ihnen, sie nehmen sie an und ernst. Dennoch sieht Inge Rehbein die Situation realistisch: „Der größte Teil der Kinder wird es trotzdem nicht schaffen. Hier essen unsere erwachsenen Gäste von morgen.“

          Armut führt zu Beziehungsunfähigkeit zwischen Eltern und Kindern
          Armut führt zu Beziehungsunfähigkeit zwischen Eltern und Kindern : Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

          Nach und nach füllt sich die Suppenküche, die Kinder stehen an für Käsesuppe, Rosenkohl, Kartoffeln, Putenrollbraten, Milchreis und Apfelmus. Die zehn Jahre alte Ricarda, ein hübsches dunkelhaariges Mädchen mit langen, dünnen Beinen, antwortet auf die Frage, was ihr hier am besten gefalle: „Hier kann ich viel essen.“

          Auf Nachfrage berichtet sie, zu Hause gebe es nicht immer etwas zu essen, vor allem abends nicht. Dann gingen sie und ihre drei Geschwister „einfach so“ schlafen. Sie räumt ein, dass ihr Magen dann knurre und sie deswegen manchmal nicht einschlafen könne. „Dann kneife ich die Augen ganz fest zu“ - sie macht es vor -, „dann tun die weh, und dann klappt das Schlafen manchmal.“ Wenn nicht, bleibe sie wach. Und am nächsten Morgen? „Manchmal nehmen wir hier Brot mit und lassen das für morgens in der Schule. Wenn ich kein Brot habe, gibt mir meine Freundin manchmal was ab.“

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          Für einige Familien, deren Kinder hierherkämen, sei das mitgenommene Essen aus der Suppenküche das einzige, was sie am Abend hätten, sagt Inge Rehbein, die ihre Gäste auch manchmal zu Hause besucht. Von fast allen kennt sie die Lebensgeschichte, fast allen haben sie oder ihre Mitarbeiterinnen auch schon einmal geholfen, wenn es um andere Dinge als das Essen ging. „Wenn man am Tisch sitzt und zusammen isst, erzählen die Menschen, was sie bewegt.“ Deswegen haben sich die zwölf Mitarbeiterinnen, die an diesem Freitag im Dienst sind, auf die verschiedenen Tische verteilt und sprechen die Mütter und Väter der Kinder während des gemeinsamen Essens direkt an.

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