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Geburtshilfe : „Bisher ist das Verletzungsrisiko für Babys sehr hoch“

  • -Aktualisiert am

Wie kommt der Korken aus der Flasche? Dieses Experiment brachte Odón auf eine Idee. Bild: DIEGO GIUDICE/The New York Times

KfZ-Mechaniker Jorge Odón hat ein Hilfsmittel erfunden, das Geburten erleichtern und Leben retten könnte. Momentan wird es von der WHO geprüft.

          Herr Odón, früher haben Sie in Ihrer argentinischen Heimat fast täglich Autos repariert. Wie kam es, dass Sie sich auf einmal mit Geburten beschäftigt haben?

          Das war ein Zufall. Kollegen haben mir in der Mittagspause ein Youtube-Video gezeigt. Darin ging es um die Frage, wie man einen Korken aus einer Weinflasche herausbekommt, ohne den Korken oder die Flasche zu beschädigen.

          Und wie funktioniert das?

          In dem Video schob ein Mann eine leere Plastiktüte in die Flasche, nachdem er den Korken in die Flasche gedrückt hatte, und positionierte den Korken zwischen Tüte und Wand der Flasche. Dann pustete er die Tüte leicht auf. Dabei klemmte er den Korken zwischen Tüte und Wand ein. Als er die leicht aufgeblasene Tüte herauszog, flutschte der Korken ebenfalls mit nach draußen.

          Wo ist die Verbindung zur Geburt?

          Die kam mir buchstäblich im Traum. Eines Nachts bin ich aufgewacht und hatte die Idee, dass man doch eigentlich dieselbe Technik nutzen könnte, um ein Baby, das im Geburtskanal feststeckt, auf die Welt zu holen. Ich wusste, dass es bei etwa 30 Prozent aller Geburten Komplikationen gibt. In Entwicklungsländern ist die Rate oft noch höher.

          Wenn das Baby erst einmal im Geburtskanal angekommen ist, ist ein Kaiserschnitt nicht mehr möglich. Bislang wird in solchen Fällen eine Saugglocke oder Geburtszange benutzt.

          Ja, aber das Verletzungsrisiko ist besonders durch die Greifarme der Geburtszange sehr hoch, und in Entwicklungsländern haben Ärzte oft zu wenig Übung mit diesen Instrumenten: Die Mütter werden dann am Beckenboden verletzt. Viele leiden später an Harn- oder Stuhlinkontinenz. Bei anderen kippen Beckenorgane wie Blase oder Darm nach vorne, und sie haben dann dauernd das Gefühl, als würden sie auf einem Ballon sitzen. Neugeborene haben von der Zange oft Abschürfungen oder Blutergüsse und einige leiden unter einer zeitweiligen oder sogar dauerhaften Lähmung des Gesichtsnervs. Auch bei der Saugglocke kommt es immer wieder zu Verletzungen. Die Babys haben davon fast immer Hämatome.

          Laut des Statistischen Bundesamtes wurden 2015 0,4 Prozent der Kinder in Deutschland mittels Zange und 5,9 Prozent mittels Saugglocke zur Welt gebracht.

          Sie meinen, die Zahlen scheinen nicht hoch? Wie gesagt, uns geht es vor allem um Entwicklungsländer. Dort stellen schwierige Geburten immer noch eine große Gefahr da.

          Wie ging es nach Ihrer nächtlichen Idee weiter?

          Erst mal habe ich mit Hilfsmitteln aus meiner Küche und diversen Plastikteilen aus meiner Werkstatt versucht, einen weiblichen Unterleib nachzubauen, um zu schauen, ob die Idee tatsächlich funktionieren könnte. Später habe ich einem befreundeten Arzt davon erzählt, der mir einen Kontakt zu einem renommierten Krankenhaus in Buenos Aires vermittelt hat, dem CEMIC. Die haben mich wiederum mit Mario Merialdi zusammengebracht, der damals für die Weltgesundheitsorganisation, WHO, in Genf eine Abteilung leitete, die zu der Frage forscht, wie man die Gesundheit werdender Mütter verbessern und das Risiko bei Geburten verringern könnte. Eigentlich wollte Merialdi sich beim Mittagessen eine Viertelstunde mit mir unterhalten. Letztlich haben wir fast anderthalb Stunden geredet.

          Und heute testet die WHO Ihre Idee.

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