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Keimbefall in Charité : „Die Babyleiche ist nicht da“

  • Aktualisiert am

Die Erkrankungen von Säuglingen und der Überfall auf einen leitenden Gynäkologen sorgen für unruhige Zeiten am Rudolf-Virchow-Klinikum. Bild: dapd

Bei der Suche nach den Gründen für die Darmkeim-Infektionen hat die Berliner Charité Hygiene-Versäumnisse nicht ausgeschlossen. Am Mittwoch wurde bekannt, dass die Leiche des gestorbenen Frühchens verschwunden ist.

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          An der Charité geht die Suche nach den Ursachen der Infektionen mit sogenannten Serratien-Keimen weiter. In dem Krankenhaus waren insgesamt sieben Säuglinge an den Darmkeimem erkrankt, eins der Kinder starb nach einer Operation im Deutschen Herzzentrum an der Infektion. Zusätzlich wurden an mindestens 16 weiteren Säuglingen Keime nachgewiesen, ohne dass diese daran erkrankten. Nach Angaben der Aufsichtsbehörde wurden Keime auf drei Stationen der Charité und auf zwei Stationen des Deutschen Herzzentrums nachgewiesen. Für zwei Charité-Stationen für Frühgeborene gilt ein Aufnahmestopp.

          Bei der Suche nach den Gründen schließt die Charité Versäumnisse bei der Hygiene nicht aus. In beiden Einrichtungen werde intensiv nach der Quelle der Verunreinigungen gesucht, berichtete der Leiter der Hygiene- und Umweltmedizin im Gesundheitsamt Berlin-Mitte, Karl Schenkel. Von allen Gegenständen des täglichen Bedarfs würden für mikrobiologische Untersuchungen sogenannte Abklatschproben genommen, selbst von Seifen und Desinfektionsmitteln.

          Die Leiterin des Hygiene-Instituts der Charité, Prof. Petra Gastmeier, lobte die vergleichsweise hohe Desinfektionsquote auf den Frühchen-Stationen der Charité. Kontrollen hätten ergeben, dass sich die Mitarbeiter in durchschnittlich 93 Prozent der notwendigen Fälle die Hände desinfizierten. Gastmeier schloss nicht aus, dass es „die eine oder andere verpasste Handdesinfektion“ gegeben haben könnte.

          Nach Angaben der Charité wird auch dem Hinweis von Eltern nachgegangen, dass möglicherweise ein Babybad aus einer Drogerie als Keimquelle infrage komme. Im Sommer hatte es eine Rückrufaktion von zwei Unternehmen gegeben. Die Firma Rossmann teilte am Dienstag mit, dass die betroffenen Produkte zwar in die Läden gelangten, aber nicht in den Verkauf. In der Charité wurde das Pflegebad nach Klinikangaben nicht genutzt, Mütter könnten es aber für sich verwendet haben.

          Das Ergebnis der Obduktion, das bei der Suche nach den Infektionsgründen helfen könnte, steht noch aus. Am Mittwoch erklärte ein Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, dass die Leiche des Frühchens derzeit nicht auffindbar sei. Weitere Angaben wollte er dazu bislang nicht machen.

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          Den Vorwurf, die Frühchen-Abteilungen seien personell unterbesetzt, wies das Klinikmanagement allerdings deutlich zurück. Die Personalstärke sei verbesserungsfähig, aber vertretbar, sagte der ärztliche Direktor, Prof. Ulrich Frei, am Dienstag in Berlin. Der vom Robert Koch-Institut empfohlene Personalschlüssel von drei Pflegern pro Bett wird auf der Intensivstation für Frühchen mit dem Stammpersonal aber nicht erreicht. Mit Extraschichten und Überstunden komme man nur auf 2,85 bis 2,91 Mitarbeiter pro Bett, erläuterte Frei. Es sei schwer, qualifiziertes Personal zu finden.

          Mittlerweile wurde bekannt, dass es bereits im Juli zwei Infektionen bei Frühchen an der Charité gegeben hatte. Ein Kind steckte sich bei der Mutter an. Im Oktober kam es zu einem zweiten Ausbruch. Am 5. Oktober starb ein Kind am Deutschen Herzzentrum an einer Infektion. Es war zuvor aus der Charité verlegt worden. Die Klinik gehe davon aus, dass sich das Kind an der Charité infiziert habe, sagte der Direktor der Neonatologie, Prof. Christoph Bührer. Bei der Verlegung sei der Keim aber noch nicht nachweisbar gewesen.

          Am Dienstag wurde derweil ein Klinikchef für Gynäkologie an der Rudolf-Virchow-Klinik, die zur Berliner Uniklinik gehört und ebenfalls vom Keimbefall betroffen ist,  in seinem Büro überfallen und schwer verletzt. Zwei Männer drangen nach Angaben der Polizei in das Zimmer des Arztes ein und attackierten ihn mit Stöcken. Dabei erlitt der 44 Jahre alte Klinikdirektor einen Rippenbruch, diverse Prellungen sowie Schürfwunden.

          Die Polizei beteuerte am Mittwoch, dass der Überfall in keinem Zusammenhang zu den Darmkeim-Infektionen stehe. Stattdessen warfen die unbekannten Täter dem Gynäkologen vor, einen Patienten falsch behandelt zu haben. Der Berliner Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) besuchte den überfallenen Klinikdirektor bereits im Krankenhaus und verurteilte den Überfall. „Ich bin zutiefst erschüttert über den Vorfall“, erklärte Czaja.

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