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Kinderlähmung : Nigerias Impferfolg

Nur unter Waffenschutz: Impfteams sind ihres Lebens nicht sicher, wenn sie Kinder vor Polio schützen. Bild: dpa

Rasch vorstoßen und wieder zurückziehen: Impfhelfer in Nigeria gehen fast wie Guerillakämpfer vor – aus Angst vor uneinsichtigen Islamisten. Doch es hat sich gelohnt: Seit einem Jahr gibt es keinen Fall von Kinderlähmung mehr.

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          Nigeria könnte an diesem Freitag ein besonderes Jubiläum feiern: Vor genau einem Jahr, am 24. Juli 2014, gab es zuletzt einen Fall von Kinderlähmung in dem westafrikanischen Staat. Sollte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) diese einjährige Erfolgsgeschichte in den nächsten Wochen bestätigen, wären nicht mehr drei, sondern nur noch zwei Länder auf der Liste der Nationen, in denen die Poliomyelitis noch endemisch auftritt. Nur in Afghanistan und Pakistan kommen dann noch Neuinfektionen der Kinderlähmung andauernd und gehäuft vor.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Dabei sah es vor wenigen Jahren noch aus, als würde Nigeria mit mehr als der Hälfte aller auf der Welt registrierten Poliofälle den Kampf gegen die heimtückische Krankheit verlieren. Die Islamisierung im Norden des Landes, wo in einigen Bundesstaaten die Scharia eingeführt wurde, und die Terroraktivitäten von islamistischen Gruppen wie Boko Haram gefährdeten die aufwendigen Impfprogramme. Anders als in Afghanistan und Pakistan sind die „Taliban“ in Nigeria zwar nicht grundsätzlich gegen das Impfen. Doch im Kampf gegen die Regierung wandten sich die Muslime auch gegen die von der WHO geleiteten und von Geldgebern wie Rotary oder der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung maßgeblich finanzierten Initiativen unter dem alten Präsidenten Goodluck Jonathan.

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          Ausschlaggebend für den Erfolg Nigerias war unter anderem der Einsatz von Muhammad Ali Pate, der aus dem muslimischen Norden Nigerias stammt und zuvor für die Weltbank in Washington arbeitete. Der Arzt kehrte 2008 in seine Heimat zurück und begann damit, die Gouverneure im Norden vom Nutzen des Impfens zu überzeugen. Zugleich verschrieb sich die Regierung in Abuja der Ausrottung der Krankheit: Zuletzt 80 Millionen Dollar jährlich wurden bereitgestellt, Zehntausende Impfhelfer bis in entlegene Winkel entsandt, Imame und Polioüberlebende in die Kampagnen eingebunden. Im ganzen Land wurden Alarmzentralen, im Norden zudem sieben Gesundheitszentren für eine bessere nationale Zusammenarbeit beim Impfprogramm errichtet.

          Nigeria könnte 2018 poliofrei sein

          In den ersten sechs Monaten dieses Jahres bekamen so bereits 97 Prozent aller Kleinkinder Nigerias eine Schluckimpfung gegen Kinderlähmung, 2014 waren es insgesamt nur 72 Prozent gewesen. Dabei gingen die Impfhelfer in von uneinsichtigen Islamisten beherrschten Regionen fast wie Guerrillakämpfer vor, wie Kazeem Mustapha von Rotary Nigeria berichtet: Sie seien konzentriert und rasch vorgestoßen, um schnell impfen und sich wieder zurückziehen zu können. Sollte Nigeria auch weiterhin mit Erfolg an den neuen Impfstrategien festhalten, könnte das Land 2018 poliofrei sein.

          Seit einem Vierteljahrhundert versucht die WHO nun schon, die Kinderlähmung auszurotten. Der Erfolg ihrer großangelegten Impfkampagnen gibt dem teils rigorosen Vorgehen der Organisation recht: Noch 1988 gab es 350.000 Poliofälle in 125 Ländern, 2013 waren es nur noch 416, ein Jahr später 359 in drei Ländern. Die Rückschläge in Afghanistan und besonders in Pakistan aber sind gravierend. Mehr als 85 Prozent (306) aller Poliofälle verzeichnete die Islamische Republik. Damit hatte Pakistan im Jahr 2014 so viele Fälle von Kinderlähmung wie seit fast zehn Jahren nicht.

          Gesundheitsexperten gelten als Spione

          Mehr als 80 Mitarbeiter von Impfteams wurden seit 2012 getötet, weil die Taliban Impfungen aus religiösen Gründen verbieten und sie als „Instrument des Westens zur Unterjochung der Muslime“ ansehen. Mütter und Frauen, die sich für den Schutz der Kinder vor den Viren einsetzen, welche die Nervenzellen des Rückenmarks befallen, was zu bleibenden Lähmungserscheinungen bis hin zum Tod führen kann, werden als Prostituierte angesehen, da sie sich öffentlich zu Wort melden und sich nicht auf ihre stille Arbeit im Haus beschränken.

          Zudem gelten Gesundheitsexperten aus dem Westen als Spione. Schuld an diesen Vorbehalten ist nicht zuletzt die Obama-Regierung, die es 2011 zuließ, dass Mitarbeiter des Auslandsnachrichtendienstes CIA sich als Impfhelfer ausgaben, während sie eigentlich nach dem Versteck von Usama Bin Ladin suchten. Zwar hat das Weiße Haus im Januar 2013 versichert, nie wieder Impfkampagnen für politische Zwecke zu missbrauchen, doch scheint der angerichtete Schaden für die WHO kaum wieder gutzumachen sein. Ein Lichtblick ist der Einsatz der Vereinigten Arabischen Emirate. Das muslimische Königreich hat ein eigenes Polioprogramm aufgelegt und mit mehr als 125.000 Teams bis Mai dieses Jahres 20 Millionen pakistanische Kinder geimpft. So konnte das Land in den ersten fünf Monaten nur 24 Poliofälle verzeichnen - im Vergleich zu 82 im Vorjahreszeitraum.

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