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Kaiserschnitt-Boom vor WM in Brasilien : Der Bauch ist rund

  • -Aktualisiert am

In einem Geschäft für Brautmoden in São Paulo. Auch der Kaiserschnitt gilt als Statussymbol Bild: AFP

Mehr als die Hälfte aller Kinder in Brasilien werden per Kaiserschnitt entbunden. Kurz vor der WM wird die Zahl wohl besonders hoch sein – niemand will die Spiele verpassen. Die Risiken werden dabei gerne übersehen.

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          In Brasiliens Krankenhäusern, zumal in den Privatkliniken, kennt man das Phänomen von jeder Urlaubssaison. Kurz vor den Feiertagen oder den Ferien wird der Andrang in den Entbindungsstationen größer. Danach wird es ruhiger, und nach den Ferien setzt die nächste Geburtenwelle ein.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Auch in den kommenden Tagen, ehe sich Brasilien und Kroatien am 12. Juni beim Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft in São Paulo gegenüberstehen, werden in Brasilien überdurchschnittlich viele Kinder zur Welt kommen, und zwar mehrheitlich per Kaiserschnitt. Das kann man ohne prophetische Gabe voraussagen. Es reichen die Statistiken der Entbindungsstationen und die jetzt vorgelegte Studie der Oswaldo-Cruz-Stiftung mit dem Titel „Geboren in Brasilien“. In Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium haben die Forscher der Stiftung von Februar 2011 bis Oktober 2012 knapp 24.000 Mütter kurz nach der Entbindung befragt, in Kliniken großer und kleinerer Städte in allen 27 Bundesstaaten des Landes.

          Die Ergebnisse der Studie sind schockierend. Demnach werden in Brasilien 52 Prozent aller Kinder per Kaiserschnitt entbunden. In Privatkliniken kommen sogar 88 Prozent der Neugeborenen durch eine Operation zur Welt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, dass allenfalls zehn bis 15 Prozent der Kinder per Kaiserschnitt entbunden werden – wenn wegen Gefahr für Gesundheit und Leben von Mutter oder Leibesfrucht eine natürliche Spontangeburt nicht in Frage kommt.

          Die Medizinjournalistin Christiane Segatto hat für Brasilien deshalb die Diagnose „Kaiserschnitt-Delirium“ gestellt. Die Studie „Geboren in Brasilien“ zeigt, dass zu Beginn der Schwangerschaft fast 70 Prozent der werdenden Mütter eine Spontangeburt planen. Offenbar führt der Einfluss einer Art Gebärindustrie in den Krankenhäusern aber dazu, dass es sich die meisten Frauen bis zur Entbindung anders überlegen.

          Viele Kinder kommen zu früh zur Welt

          So ist in Brasilien der Mythos weit verbreitet, der Kaiserschnitt sei die sicherste Art der Entbindung; dabei sind die Risiken für Mutter und Säugling – wie bei jedem operativen Eingriff – naturgemäß erheblich. Außerdem gilt der Kaiserschnitt als „modern“, und wer sich in Brasilien eine Privatklinik leisten kann, will bei der Entbindung auch die „medizinische Leistung“ und das Statussymbol des Kaiserschnitts in Anspruch nehmen.

          Auch die Angst vor den Wehen spielt offenbar eine Rolle. Der Kaiserschnitt gilt als schmerzfrei. Schließlich nehmen nur 15 Prozent der werdenden Mütter, die zum ersten Mal schwanger sind, an Vorbereitungskursen teil. Es fehlt ihnen also an Informationen und am Austausch mit anderen Schwangeren. Sie tun, was die Ärzte empfehlen und was die meisten anderen Frauen auch tun.

          Wenn aber Entbindungen routinemäßig und vor dem Einsetzen der Wehen per Kaiserschnitt vorgenommen werden, steigt die Zahl der Geburten während der 37. und 38. Schwangerschaftswoche. Diese Kinder mögen zwar keine Frühchen sein, aber es fehlen ihnen Tage und Wochen der weiteren Entwicklung im Mutterleib. Viele Kaiserschnitt-Kinder kommen nach der Geburt in den Brutkasten statt in die Arme der Mutter. Aber auch werdende Mütter, die ihre Kinder auf natürlichem Weg zur Welt bringen wollen, leiden unter Brasiliens „Kaiserschnitt-Delirium“.

          Fehleinschätzungen um bis zu zwei Wochen möglich

          Bei der letzten Geburtswelle vor dem auch in Brasilien als Feiertag begangenen „Tag der Arbeit“, der dieses Jahr günstig zum „Brückenbau“ für ein verlängertes Wochenende auf einen Donnerstag fiel, wurden nach Angaben der Tageszeitung „Folha de São Paulo“ Schwangere mit Geburtswehen von Krankenhäusern der Wirtschaftsmetropole abgewiesen, weil alle Betten der Entbindungsstation schon von Wöchnerinnen mit festem Kaiserschnitt-Entbindungstermin belegt waren. Ricardo Chaves, Kinderarzt an der Universitätsklinik „Pedro Ernesto“ in Rio de Janeiro, entrüstet sich vor allem über das „Bequemlichkeitsdenken“ der werdenden Eltern und des medizinischen Personals: Mit dem Kaiserschnitt könne man den Termin der Geburt selbst festlegen und müsse nicht fürchten, dass das Kind die Urlaubspläne durchkreuzt.

          Oder dass es, im Fall der Weltmeisterschaft, ausgerechnet am Tag eines Spiels der „Seleção“ zur Welt kommt. „Wir vereinbaren doch nicht mit dem Baby, dass es an diesem oder jenem Tag geboren werden soll“, sagt der Kinderarzt. „Wie soll es denn sagen, ob es zum festgelegten Entbindungstermin auch bereit ist?“ Das Klinikpersonal verlasse sich routinemäßig auf Ultraschallaufnahmen, um festzulegen, in welcher Schwangerschaftswoche sich die werdende Mutter befinde. Dabei seien aber Fehleinschätzungen um bis zu zwei Wochen möglich, so dass viele Kinder zu früh geholt würden.

          „Immer wenn die Entbindungsabteilungen voll sind, dann füllen sich auch die Intensivstationen der Frühgeborenen-Abteilung, weil die Frühchen Atemschwierigkeiten haben“, sagt Chaves. Besonders an den letzten Tagen vor dem Anpfiff zur WM sorgt sich Chaves um die Gesundheit der Neugeborenen. Viele von ihnen müssten nur deshalb zu früh auf die Welt kommen, „weil sich alle rechtzeitig aufs Sofa setzen und die Spiele anschauen wollen“.

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