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„Kaisergeburten“ : Aufgepasst, hier kommt Ihr Sohn!

„Er kam wirklich so aus dem Bauch“: Szene von einer sogenannten „Kaisergeburt“ Bild: Charité

In der Berliner Charité bietet ein Professor einen Kaiserschnitt an, bei dem Eltern im Augenblick der Geburt zuschauen dürfen. Verbessert die Methode den Kontakt zum Kind - oder traumatisiert sie die Mütter?

          Sie kann kein Blut sehen, und eigentlich wollte sie vor allem, dass es schnell geht. „Ich bin eher so pragmatisch veranlagt“, sagt Sabine Marker. Die Zweiundvierzigjährige sitzt auf einem Stuhl am Fenster ihres Zimmers auf der Entbindungsstation der Berliner Charité, Campus Virchow. Auf ihrem Arm schläft Otto, zwei Tage alt, ein kleines Paket in Dunkelblau mit Sternen auf dem Strampler. Eben hat sie ihn gestillt. Jetzt ruht das flaumbedeckte Köpfchen regungslos an ihrer Schulter. Auf dem Tisch stehen Blumen, frisches Obst und eine Zwergflasche Champagner.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sabine Marker erzählt von Ottos Geburt, die streng genommen eine Operation gewesen ist: grelle Lampen anstelle der Dämmerbeleuchtung im Kreißsaal, Apparatepiepen statt Wohlfühlmusik, Mundschutz statt Badewanne. Ein geplanter Kaiserschnitt.

          Vorhang auf: Das blaue Tuch, das bei Eingriffen unter regionaler Betäubung den Blick auf das Geschehen versperrt, wurde abgesenkt. „Strengen Sie sich noch mal an!“, sagte Professor Wolfgang Henrich. Dann holte er Otto aus dem Bauch.

          “Das Kind war so dicht“, sagt Sabine Marker, „es war wirklich unbeschreiblich. Das Kind guckt dich an, und das ist dein Sohn!“ Sie hat diesen erschöpften Glanz im Gesicht, der für Wöchnerinnen typisch ist. Jetzt leuchten ihre Augen förmlich auf: „Es ist ein ergreifender Moment. Ich kann’s jedem empfehlen.“ Und als könne sie es selbst kaum fassen, wiederholt sie: „Er kam da raus. Er kam wirklich so aus dem Bauch. Und er kam wirklich sofort zu mir.“ Vorhang zu: Während das blaue Tuch wieder hing und die Schnittwunde genäht wurde, lag ihr Baby auf ihrer Brust. Blut? Sie hat keins gesehen.

          Die Kritik ist massiv

          Seit Anfang vergangenen Jahres bietet Wolfgang Henrich, Leiter der Geburtshilfe an der Charité, Schwangeren, die per Kaiserschnitt entbinden, eine Vorgehensweise an, die nach einem Pressebericht im Dezember unter dem Namen „Kaisergeburt“ für Furore sorgt. Nicht, dass es sich dabei tatsächlich um eine alternative Methode oder ein neues Verfahren handeln würde. Die Narkose von der Wirbelsäule abwärts, das Eröffnen der Bauchdecke wie auch später das Verschließen der Wunde erfolgen exakt nach den bisher geltenden Regeln ärztlicher Kunst. Einziger Unterschied: Im Augenblick der Geburt, bei der sogenannten Entwicklung des Kindes, dürfen die Eltern zuschauen.

          Dafür hebt der Anästhesist den Kopf der Mutter an, sobald die Sichtsperre verschwunden ist. Dann wird die Frau aufgefordert, ein wenig mitzupressen, trotz Betäubung. „Das hat vielleicht eher symbolischen Charakter“, räumt Henrich ein. Der Arzt holt das Kind ein weniger langsamer als sonst aus der Gebärmutter in die Welt. Anschließend darf der Vater - wie im Kreißsaal auch - die Nabelschnur durchschneiden. Man wolle „damit die natürliche Geburtssituation, soweit es möglich ist, simulieren“, sagt Henrich.

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