https://www.faz.net/-gum-8wt5f

Jahrbuch Sucht : Weniger Zigaretten, mehr Medikamente

  • Aktualisiert am

Medikamentenmissbrauch und -abhängigkeit nehmen weiter zu, wie das aktuelle Jahrbuch Sucht zeigt. Bild: dpa

Alkohol, Tabak, Drogen: Was konsumieren die Deutschen – und in welchen Mengen? Alljährlich zieht die Hauptstelle für Suchtfragen Bilanz. Vor allem ein Trend bereitet den Experten Sorge.

          2 Min.

          Ob eine Flasche Bier zum Feierabend, ein Glas Wein, um besser einschlafen zu können, oder der berühmte, aber wirkungslose Magenbitter nach einer deftigen Mahlzeit: Die Deutschen schwören auf ihren Alkoholverzehr. Kein Wunder also, dass das heute erschienene Jahrbuch Sucht 2017 einen bedenklich hohen Pro-Kopf-Konsum von etwa 136 Litern alkoholischer Getränke im Jahr 2015 bilanziert. Das entspricht durchschnittlich knapp einem Putzeimer voll reinen Alkohols pro Bundesbürger: 9,6 Liter.

          Den Platz ganz weit oben auf der Beliebtheitsskala verteidigt immer noch das Bier, mit einigem Abstand folgen Wein, Spirituosen und Schaumwein. Immerhin habe es damit im Vergleich zum Vorjahr einen kleinen Rückgang um gut ein Prozent gegeben, teilt die deutsche Hauptstelle für Suchtfragen in Berlin mit.

          Allerdings gibt es noch immer keinen Grund zur Entwarnung: Knapp 22.000 Kinder und Jugendliche und fast dreieinhalb Millionen Erwachsene waren in den letzten zwölf Monaten von Alkoholmissbrauch und -abhängigkeit betroffen. Dies betrifft überwiegend Männer: Bei ihnen gelten „psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol“ als häufigste Hauptdiagnose in deutschen Krankenhäusern.

          Bei Medikamenten besonders ältere Frauen betroffen

          Nicht immer gelang jedoch eine Heilung: An immerhin 74.000 Todesfällen war der Alkoholkonsum zumindest beteiligt. Den daraus resultierenden Kosten von rund 40 Milliarden Euro stand dabei ein Steueraufkommen von lediglich rund drei Milliarden aus dem Vertrieb alkoholischer Getränke gegenüber. Damit darf die Eindämmung des Alkoholkonsums ebenso als gesamtgesellschaftliche Herausforderung gelten wie die der Medikamentenabhängigkeit.

          Denn offenbar werden immer mehr Arzneimittel in Apotheken erworben. Im Jahr 2015 stieg der Verkauf von Medikamenten um insgesamt drei Prozent auf etwa 1,47 Milliarden Packungen. Dadurch stiegen die Ausgaben für die Krankenkassen um über vier Prozent. Dabei, gibt die Hauptstelle für Suchtfragen zu bedenken, sind stark wirkende Schmerzmittel in den vergangenen Jahren immer häufiger verordnet worden. Besonders Frauen im höheren Alter seien von einer Arzneimittelabhängikeit betroffen. Zwar ist Cannabis seit kurzem als verschreibungspflichtiges Medikament auf dem Markt, 2015 aber galt das aus der Hanfpflanze gewonnene Rauschmittel als am weitesten verbreitete illegale Droge. Insgesamt wurden in diesen Zeitraum 1200 Drogentote registriert, 19 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

          Jährlich 120.000 Tabaktote

          Ein leichter Rückgang ist laut der Hauptstelle für Suchtfragen beim Konsum von Fertigzigaretten, Tabak-Feinschnitt und E-Zigaretten festzustellen. Im Jahr 2016 wurden fast acht Prozent weniger Zigaretten konsumiert als 2015. Die elektronische Variante überzeugte nur gut ein Prozent der für den Suchtreport Befragten. Hoch im Kurs stand demgegenüber Pfeifentabak: Im Vergleich zu 2015 stieg der Konsum im abgelaufenen Jahr um rund 46 Prozent an.

          Diese Entwicklung sieht die Drogenbeauftragte der Bundesregierung mit Sorge. „Es kann doch nicht sein, dass wir mit ein paar Millionen Euro im Jahr Aufklärungsarbeit zu den Gefahren des Rauchens in Schulen machen, es aber zulassen, dass die Tabakwirtschaft im gleichen Zeitraum ein Vielfaches dieses Betrages in Außenwerbung investiert, die genau das Gegenteil bezweckt“, erklärt Marlene Mortler. Die CSU-Politikerin will Tabakaußenwerbung noch vor der Bundestagswahl im September verbieten. Ein schon im vergangenen Frühjahr vorgelegter Gesetzentwurf wurde immer wieder auf die lange Bank geschoben, weil es in der Unionsfraktion sowie in Teilen der SPD Widerstand gibt.

          Jährlich 120.000 Tabaktote, so Mortler weiter, bedeuteten ein immenses Leid für die Familien. Außerdem verursache das Rauchen riesige Kosten für die Unternehmen und das Gesundheitssystem. Das Jahrbuch Sucht bestätigt dies. Die durch das Rauchen entstandenen Kosten, heißt es dort, belaufen sich in Deutschland jährlich auf knapp 80 Milliarden Euro.

          Weitere Themen

          Der Moderator bin ich

          Mit Bodo Ramelow auf Clubhouse : Der Moderator bin ich

          Journalisten sprechen Tag für Tag mit Politikern und Prominenten. Wir nicht. Für einen Moment hatten wir die Gelegenheit, uns offen auszutauschen. Das ist jetzt vorbei. Intervention eines jungen Clubhouse-Nutzers und Nachwuchsjournalisten.

          Madrid will 80.000 Bäume fällen

          Nach Jahrhundertschnee : Madrid will 80.000 Bäume fällen

          Etwa fünf Prozent aller Bäume der spanischen Hauptstadt sind vom Wintersturm „Filomena“ so schwer beschädigt, dass sie für die Menschen zur Gefahr werden. Deshalb greift Madrid zu drastischen Maßnahmen.

          Topmeldungen

          Ob er gerade spielt? Ramelow im Juli 2020 im Thüringer Landtag

          PR-Profis auf Clubhouse : Besser als „Bodo“

          Clubhouse gilt als Trend-App und hat in Deutschland nun das erste PR-Desaster verursacht. Wie verhält man sich richtig in den virtuellen Quasselrunden? Wie aktiv sind die PR-Agenturen schon? Und lohnt es sich, dabei zu sein?
          „Die Antikörper-Medikamente eignen sich vor allem für Risikopatienten wie Heimbewohner oder Immunsupprimier“:Virologin Sandra Ciesek.

          Virologin Sandra Ciesek : „Schnell gegen Coronavirus-Mutanten eingreifen“

          Coronavirus-Varianten herrschen hierzulande noch nicht vor. Nach Ansicht der Virologin Sandra Ciesek müssen sie aber rasch bekämpft werden. Im Interview spricht die Frankfurter Wissenschaftlerin auch über die neuen Antikörper-Medikamente.
          Der frühere britische Premierminister Gordon Brown im September 2014, wenige Tage vor dem Referendum, im schottischen Clydebank

          Schottische Unabhängigkeit : Ein gescheitertes Königreich?

          Der frühere britische Premierminister Gordon Brown schlägt Alarm: Die Pandemie hat den Unabhängigkeitsdrang vieler Schotten nicht gebremst. Es drohe das Ende des Vereinigten Königreichs.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.