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Islam : Das Halal-Experiment

Der Handel mit Halal-Produkten boomt Bild: AFP

Kein Schwein, nicht ein Hauch von Alkohol: Der Handel mit Halal-Produkten boomt, islamisch korrekte Lebensmittel liegen voll im Trend. Aber das Thema ist sensibel. Julia Schaaf über den Stand der Integration im Supermarkt.

          5 Min.

          Das Scheitern schien zunächst nur eine Frage des Ketchups. Ein Jahr lang hatte Ernst-Hermann Exter an einer Bio-Currywurst in Halal-Qualität gearbeitet. Die Idee stammte von seiner Tochter, die in London studiert, wo Lebensmittel für Muslime längst zum Alltag gehören: kein Schweinefleisch, kein Alkohol, und das in Supermarktketten wie Tesco gleich regalmeterlang. Der Fast-Food-Gourmet aus Berlin machte sich ans Werk. Exter tat in Mecklenburg einen Geflügelbetrieb auf, der Öko-Hähnchen nach islamischen Kriterien schlachtet. In Österreich fand er einen Gewürzhersteller, der über Bio- und Halal-Zertifikate verfügt. Nach Dutzenden Versuchen dann gelang es dem Zweiundsechzigjährigen, aus dem empfindlichen weißen Fleisch ganz ohne Stabilisatoren dünne Würstchen zu formen.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Hinter der Theke von „Witty's White Concept“ am Gendarmenmarkt steht der Bio-Champagner, der Weg zwischen Bistro-Tischen hindurch führt über roten Teppich. In der Pappschale liegen currygelbe Wurststückchen. Das Fleisch ist zart und fest, würzig und mild zugleich, die Haut feiner als Zellophan. Nirgendwo trieft Fett, sanft kitzelt Schärfe den Gaumen. So gut schmeckt Currywurst selten. Trotzdem sagt Ernst-Hermann Exter, während er seine Holzgabel in den nächsten Bissen piekt: „Ich bin unzufrieden.“ Der Ketchup ist falsch. Nirgendwo hat er Öko-Tomatenmark gefunden, das muslimischen Ansprüchen genügt.

          Das Halal-Geschäft boomt

          Exter sagt auch: „Ich denke, es ist zehn Jahre zu früh.“ Hätte es doch nur am Ketchup gelegen! Aber schon kurz nach der Eröffnung seiner Edel-Bude im Frühjahr verlangten die Kunden Buletten. Und Currywurst, ganz normal. Bald war es mit dem Weißfleisch-Konzept vorbei. Von den Aufstellern verschwand das Wort „halal“. Denn Geflügelwürstchen, die neben Schwein gebraten werden, sind für Muslime tabu.

          Es gibt viele Halal-Siegel. Schwarze...
          Es gibt viele Halal-Siegel. Schwarze... : Bild: REUTERS

          Exters Experiment mit der Currywurst verrät mehr über Halal-Food in Deutschland als die zahlreichen Berichte über den großen Boom. Natürlich gibt es Zahlen, die einen eindeutigen Trend belegen: Im Welthandel hat sich der Umsatz von 150 Milliarden Dollar im Jahr 2002 auf 630 Milliarden Dollar 2009 mehr als vervierfacht. Der Nestlé-Konzern, der schon in den Achtzigern in das Halal-Geschäft einstieg, hat inzwischen 85 seiner insgesamt 456 Fabriken von islamischen Fachleuten zertifizieren lassen. Aber auch ein Mittelständler wie der Wurstwarenhersteller Meemken aus Niedersachsen legt eindrucksvolle Bilanzen vor: Zehn, maximal zwanzig Tonnen Sucuk, Truthahnsalami und Co., das war die wöchentliche Produktion in der Anfangszeit vor zehn Jahren. 2007 lag man schon bei 45 Tonnen. Und seit in einem neuen Werk nicht mehr tageweise, sondern ausschließlich halal produziert wird, ist man bei bis zu 120 Tonnen angelangt.

          Vor Jahren war Halal nicht wirklich rein

          Weil in diesem Zusammenhang gerne vom steigenden Anteil der Muslime an der Weltbevölkerung die Rede ist, bejubelt die Lebensmittelwirtschaft einen Wachstumsmarkt, von dem es zu profitieren gilt. Auf der Nahrungsmittelmesse Anuga in Köln gibt es inzwischen Informationsveranstaltungen zum Thema Halal.

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