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Ärzte ohne Grenzen : „Dieser Einsatz zehrt an den Nerven“

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Alles wird abgesprüht: Mitarbeiter der „Ärzte ohne Grenzen“ desinfizieren sich am Donka-Krankenhaus im Conakry, der Hauptstadt von Guinea Bild: Getty

Claudia Evers ist Nothilfekoordinatorin von „Ärzte ohne Grenzen“. Hier spricht sie über den Kampf gegen Ebola in Guinea und die kräftezehrende Arbeit der medizinischen Mitarbeiter.

          Frau Evers, Sie betreuen seit gut zwei Wochen in Guinea die Projekte von „Ärzte ohne Grenzen“. Wie ist die Situation vor Ort?

          Die Lage ist katastrophal. Seit einiger Zeit steigt die Zahl der an Ebola Erkrankten wieder, und es gibt noch immer nicht genügend Behandlungszentren. Die Menschen haben Angst, in ein normales Gesundheitszentrum zu gehen, weil sie fürchten, angesteckt zu werden. Dort haben sich auch medizinische Mitarbeiter infiziert und sind gestorben. Das hat dem Vertrauen in die Gesundheitszentren geschadet. Das Bildungssystem hat auch sehr gelitten, die Schulen sind noch immer geschlossen. Auch wirtschaftlich ist Guinea hart getroffen. Unternehmen ziehen sich zurück, der Geldfluss ins Land nimmt ab. Der Ebola-Ausbruch wird noch viele Jahre Konsequenzen haben.

          Kommt Hilfe aus dem Ausland?

          Wir von „Ärzte ohne Grenzen“ sind nach sieben Monaten noch immer die einzige Organisation, die medizinische Hilfe anbietet. Das ist schon erschreckend. In den kommenden Wochen wird das Französische Rote Kreuz eines unserer Zentren übernehmen, und eine weitere französische Hilfsorganisation wird ein Zentrum eröffnen. Das ist ein positives Zeichen. Aber im Moment sind wir die Einzigen, die zum Beispiel medizinische Mitarbeiter trainieren. Das ist eine enorme Last.

          Gibt es genügend Plätze, um alle Ebola-Patienten aufzunehmen?

          Noch mussten wir glücklicherweise niemanden wegschicken. Wir haben unsere Zentren erweitert, Betten hinzugefügt. Doch unsere Kapazitäten sind irgendwann überschritten, in den letzten zwei Wochen haben wir zweimal unser Maximum erreicht. Wenn nicht mehr Akteure ins Land kommen, wird es schwierig, die Epidemie in den Griff zu bekommen.

          Sind die Menschen in Guinea gegenüber ausländischen Helfern misstrauisch?

          Es gibt Gerüchte, dass die Weißen Ebola gebracht hätten, um dem Land zu schaden. Aber für unsere Arbeit spielt das keine Rolle. Die Patienten sind uns gegenüber nicht negativ eingestellt.

          Wie beherrscht Ebola den Alltag der Menschen in Guinea?

          In Conakry, der Hauptstadt, geht das Leben normal weiter. Leider bedeutet das auch, dass die „no touch policy“, die eingeführt wurde, nicht eingehalten wird. Es gibt allerdings überall Plakate, und selbst wenn man ins Restaurant geht, muss man seine Temperatur messen lassen. Doch insgesamt hat sich die Bevölkerung noch nicht wirklich an die Situation angepasst.

          Nothilfekoordinatorin Claudia Evers

          Was müsste geschehen, damit man die Lage besser in den Griff bekommt?

          Die Antwort auf eine Epidemie ist ja nicht nur die Behandlung, sondern die Sensibilisierung der Bevölkerung. In ganz Westafrika müssten mobile Teams von Tür zu Tür gehen und erklären, dass man ein Familienmitglied, das hohes Fieber und Durchfall hat, sofort isolieren muss.

          War Unkenntnis ein Grund dafür, dass sich Ebola so schnell ausgebreitet hat?

          Das war ein Faktor. Dazu kommt das Problem der Grenzüberschreitung. Das Epizentrum liegt in Guéckédou, direkt an der Grenze zu Liberia und Sierra Leone. Wer sieht, dass in Sierra Leone das Gesundheitssystem noch schlechter funktioniert als hier, kommt jetzt zurück. Wir hatten gerade einen Mann, der aus Sierra Leone zurück nach Guinea kam und hier 22 weitere Menschen angesteckt hat.

          Wie belastend ist Ihre Arbeit?

          Körperlich ist die Arbeit vor allem für das medizinische Personal belastend. Die Arbeit in den Schutzanzügen ist sehr anstrengend. Das hält man nicht lange aus. Mental ist es aber auch für mich belastend. Man weiß, dass man nur wenig Leben retten kann, und die Menschen eigentlich nur mit etwas Würde in den Tod begleitet. Andererseits gibt dann aber auch jeder Geheilte, den wir entlassen, Energie, um weiterzumachen.

          Haben Sie manchmal Angst um Ihr eigenes Leben?

          Nein, dann müsste ich ja bei jedem Einsatz für „Ärzte ohne Grenzen“ Angst haben, denn Gefahren gibt es überall. Für die Ebola-Intervention haben wir ganz klare und sehr strenge Sicherheitsregeln.

          Können Sie nachvollziehen, wenn in Deutschland oder in den Vereinigten Staaten eine Panik vor Ebola entsteht?

          Ich erlebe hier eine humanitäre Katastrophe. Mir fällt es gerade schwer, Guinea gedanklich zu verlassen und mich in deutsche Gedanken hineinzudenken.

          Sie waren für „Ärzte ohne Grenzen“ unter anderem in Haiti, in Kongo oder auch in Sudan. Was unterscheidet diesen Einsatz von anderen Einsätzen?

          Für mich ist das hier einer der schwersten Einsätze, weil man so wenig tun kann. Es ist einer meiner tödlichsten Einsätze. Wir haben kaum Möglichkeiten, Leben zu retten. Das habe ich so noch nicht erlebt. Zudem ist es schwer zu akzeptieren, dass nach sieben Monaten Epidemie so wenig effiziente Hilfe ankommt.

          Warum haben Sie sich für diesen Einsatz gemeldet?

          Ich wurde gefragt. Ich kann nicht „nein“ sagen, das ist mein Gewissen.

          Hatten Sie vorab gar keine Zweifel?

          Wenn ich Kinder hätte, würde ich vielleicht anders darüber denken.

          Weiß man, worauf man sich einlässt?

          Wirklich wissen kann man das nicht. Das kann man nur, wenn man an Ort und Stelle ist. Diese Epidemie sprengt alles, was man sich vorstellen kann.

          Wie lange dauern solche Einsätze?

          Zwischen ein und zwei Monaten. Im medizinischen Bereich arbeiten die Mitarbeiter eigentlich nicht länger als sechs Wochen. Denn dieser Einsatz zehrt. Er zehrt am Körper, an den Nerven, an der Psyche. Nach vier bis sechs Wochen ist es dann auch Zeit, nach Hause zu kommen.

          Sie gehen in zehn Tagen wieder zurück nach Deutschland. Wollen Sie noch einmal zurück nach Guinea?

          Das kann ich mir vorstellen.

          Wie wird sich die Situation in Guinea weiterentwickeln?

          Ich kann nicht behaupten, dass wir hier alle sehr optimistisch sind. Wir befürchten, dass die Fallzahlen noch weiter steigen und irgendwann die Kapazitäten überschritten werden. Es gibt aber auch Positives in der Katastrophe. Zum Beispiel kümmern sich Frauen, die die Krankheit überstanden haben und dann immun sind, um die Kinder der Patienten, die bei uns stationär behandelt werden. Das gibt Kraft.

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