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Intersexualität : Mein Freund Gerda

  • -Aktualisiert am

Junge oder Mädchen? Manchmal stimmt beides. Bild: ullstein bild

Ein Kind kommt mit Hoden und Gebärmutter zur Welt. Die Ärzte sagen, sie könnten es entweder zum Mädchen oder zum Jungen operieren. Die Eltern wollen das nicht. Ihr Kind ist beides.

          Als Gerda geboren wurde, ließ das deutsche Recht den Eltern eine Woche, um Fakten zu schaffen. Die Standesbeamten wollten es ganz eindeutig wissen, fragten nach Ort und Zeit der Geburt, dem Namen des Kindes* und nach dem Geschlecht. „Weiblich“ ließen die Eltern damals eintragen. Fast neun Jahre ist das her. Dabei waren sie sich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht sicher, ob sie damit überhaupt richtig lagen.

          „Ein Junge“, hatte die Hebamme verkündet, als die Mutter nach dem Kaiserschnitt aus der Narkose erwachte. „Wahrscheinlich ein Mädchen“, sagte der Arzt zu ihrem Mann.

          Kein Junge, kein Mädchen – sondern beides

          Später äußerten sich die Mediziner etwas genauer: Gerda ist kein Junge, kein Mädchen, sondern beides. Gerda hat einen männlichen XY-Chromosomensatz, aber der Penis ist nur schwach ausgebildet, man kann genauso gut vergrößerte Klitoris dazu sagen. Die Hoden befanden sich nach der Geburt im Bauchraum, einer ist nicht vollständig entwickelt, der zweite nur als Gewebestrang ausgebildet. Das Kind hat außerdem eine Gebärmutter und eine Vagina.

          „Gonadendysgenesie“ diagnostizierten die Ärzte. Dabei handelt es sich um eine der zahlreichen Varianten von Intersexualität. Gerda ist ein Kind, das sich keinem Geschlecht eindeutig zuordnen lässt. Früher hätte man Zwitter gesagt.

          Die Eltern hatten zunächst ganz andere Sorgen. Gerda war drei Monate zu früh auf die Welt gekommen, sie lag noch im Brutkasten, als die Ärzte mit betretenen Mienen in den Raum traten und sagten, Gerda sei intersexuell. „Ehrlich gesagt: Die 920 Gramm waren der größere Schock“, sagt Anna Pietersen, die Mutter. Die 920 Gramm verschafften den Eltern allerdings Zeit, sich mit der Intersexualität ihres Kindes auseinanderzusetzen.

          Chirurgen fiel es leichter, eine Vagina zu erschaffen

          Vor fast einem Jahrzehnt, als Gerda auf die Welt kam, hätten sie wenig über Intersexualität gewusst, sagt die Mutter. Es gab noch keinen „Tatort“, der das Thema aufgriff, keine Debatten über Sportlerinnen wie die Sprinterin Caster Semenya, die laut Chromosomensatz eigentlich ein Sprinter ist. „Middlesex“, der Roman des Amerikaners Jeffrey Eugenides, der später zum Bestseller wurde, war gerade erst erschienen. Und der Ethikrat des Deutschen Bundestages, der viele Facetten von Intersexualität aufarbeiten wollte, trat zum ersten Mal im Jahr 2010 zusammen.

          Zufällig kannte sich eine Freundin der Mutter ein wenig mit dem Thema aus. „Sie hat uns geraten, behutsam vorzugehen - und vor den Ärzten auf der Hut zu sein.“ Woher ihr Unbehagen rührte, erfuhren die Pietersens im Gespräch mit erwachsenen Intersexuellen, die sie über die Elternselbsthilfegruppe der „XY-Frauen“ kennenlernten. Sie gehört zum „Dachverband Intersexuelle Menschen“. Viele waren durch die Hölle gegangen, litten an den Folgen frühzeitiger Operationen und Hormonbehandlungen, die sie wahlweise zum Jungen, meistens zum Mädchen machen sollten - weil es Chirurgen leichter fiel, eine Vagina als einen Penis zu erschaffen.

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