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Verhütung : Abtreibung trotz Aufklärung

  • -Aktualisiert am

Verläßlich bei korrekter Einnahme: Die Antibabypille Bild: picture-alliance / dpa

In Deutschland werden rund 130.000 Kinder jährlich abgetrieben, in Großbritannien sind es noch mehr. Trotz umfassender Aufklärung ist es bisher nicht gelungen, die Zahl der unerwünschten Schwangerschaften zu senken.

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          Die Zahl der Abtreibungen sinkt nur spärlich oder gar nicht. In Deutschland werden seit fast einem Jahrzehnt rund 130.000 Kinder jährlich abgetrieben. In Großbritannien - dem europäischen Land mit den liberalsten Gesetzen zum Schwangerschaftsabbruch - gibt es jedes Jahr nahezu 200.000 Abtreibungen, und in den Vereinigten Staaten sind es rund 1,3 Millionen. Mediziner und Vertreter anderer Professionen bemühen sich immer wieder, dieser Situation durch umfassende Aufklärung und psychologische Beratung entgegenzuwirken

          Aber selbst dann, wenn es bereits zu einer Abtreibung gekommen ist, können die Ratschläge der Spezialisten ein neuerliches Hineinschlittern in eine unerwünschte Schwangerschaft nicht verhindern. Zu diesem ernüchternden Fazit kommt eine Studie aus der Abteilung für Familienplanung und Frauengesundheit der Universität in Edinburgh, die Anna Glasier jetzt in der Fachzeitschrift „Human Reproduction“ (Bd. 21, S. 2296) veröffentlicht hat.

          Zwei Aufklärungsansätze

          Jenen Frauen, die mit dem Wunsch nach Abtreibung ins Königliche Krankenhaus in Edinburgh kamen, wurde die Teilnahme an einer Vergleichsstudie angeboten. 297 Frauen erhielten schließlich eine Standardbehandlung, die ein Gespräch im Vorfeld der Abtreibung umfaßte. Zudem wurden den Frauen im Laufe ihres Klinikaufenthaltes Informationen über Verhütungsmethoden zur Verfügung gestellt. Jene, die anschließend mit der Pille verhüten wollten, erhielten eine Packung von der Klinik, bevor sie entlassen wurden.

          In der zweiten Gruppe mit 316 Teilnehmerinnen befragte ein in Verhütungsfragen eigens trainierter Mediziner die Frauen ausführlich über ihre bisher praktizierte Art und Weise der Verhütung und erläuterte ihnen weitere Verfahren auch im Hinblick auf künftige, langfristige Sicherheit. Wenn sie es nach dieser Beratung wünschten, wurde ihnen nach dem Eingriff zum Beispiel eine Spirale in die Gebärmutter eingesetzt oder eine langfristig wirksame Hormoninjektion zur Verhütung verabreicht. Da die Verwendung von Kondomen oder die tägliche Pilleneinnahme bei nachlässigem Gebrauch hohe Versagensquoten birgt, könnten die Frauen mit lang anhaltenden Hormonpräparaten oder Pessaren vielleicht verläßlicher verhüten, so die Vorstellung hinter diesem Ansatz.

          Keine Veränderung im Alltag

          Zwar verließen etwa zweieinhalbmal so viele Frauen nach dieser besonderen Beratung das Krankenhaus mit einer lange wirksamen Verhütungsmethode. Aber schon nach 16 Wochen bestand beim Gebrauch von Verhütungsmitteln zwischen beiden Gruppen kein Unterschied mehr. Zwei Jahre später ließen knapp 15 Prozent der Frauen aus der aufwendig beratenen Gruppe an demselben Krankenhaus wieder eine Abtreibung vornehmen, während es in der Vergleichsgruppe, bei der man nach herkömmlichem Standard vorgegangen war, sogar „nur“ zehn Prozent waren.

          Nach Überzeugung der Forscher aus Edinburgh lassen auch die Ergebnisse mancher anderen Studien bezweifeln, daß beratende und aufklärende Interventionen tatsächlich so hilfreich sind, wie man zunächst annehmen möchte. In Großbritannien entfällt ein Viertel aller Abtreibungen auf jene Frauen, die bereits einen Schwangerschaftsabbruch hinter sich haben. Auch in Schweden wurde gezeigt, daß eine einschlägige Beratung die Frauen nicht vorsichtiger handeln läßt.

          Man beobachtete zum Beispiel auch, daß etwa Teenager nach entsprechender Aufklärung zwar ihre Einstellung bezüglich unerwünschter Schwangerschaften änderten. Im Alltag - auf ihr Sexualverhalten - wirkte sich das geschärfte Bewußtsein aber nicht aus. Vielleicht, so lautet die Schlußfolgerung der Wissenschaftler um Anna Glasier, sollte man endlich die Defizite derartiger Ansätze eingestehen und auf - womöglich effektivere - soziale Veränderungen hinwirken.

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