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Nach der Epidemie : Bye-bye, Ebola

Das ist das Einzige, was ihnen von ihren Eltern geblieben ist: Joshua mit seinen Geschwistern vor dem Haus, das sein Vater gebaut hat. Bild: Martin Franke

Das Jahr 2015 war geprägt von der verheerenden Seuche. In Sierra Leone gilt sie nun als überstanden. Doch in Gesellschaft und Alltag hat das Virus tiefe Spuren hinterlassen – vorbei ist das Leid für viele noch lange nicht.

          Jahrelang gingen sie hier gemeinsam entlang. Wenn der Vater mit seinem Sohn nach Hause kam, mussten sie diesen steilen Weg hinaufsteigen, mit seinen spitzen Steinen und dem vom Lehm braungefärbten Boden. Sie grüßten die Nachbarn, unterhielten sich, verstanden sich. Draußen an der Feuerstelle kochte die Mutter Reis mit Hähnchen oder Fisch. Die Kinder konnten spielen oder sich in den grünen Bergen von Makeni herumtreiben.

          Martin Franke

          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

          Alexander Davydov

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nun geht der 17 Jahre alte Joshua den Schulweg allein. Seine Eltern starben an Ebola, zurück blieben 16 Kinder. Die tödliche Krankheit raubte der Familie die Grundlagen ihrer Existenz. Jetzt kämpft der junge Mann mit seinen Geschwistern ums Überleben. „Es gibt einige, die ihren Vater oder ihre Mutter verloren haben, aber ich kenne keine Familie, wo gleich beide Elternteile gestorben sind.“ Seine Stimme ist ruhig. Er spricht in kurzen Sätzen, bei dem Wort Ebola neigt er seinen Kopf nach unten. Von der Holzbank aus blickt Joshua gelegentlich auf das Elternhaus – mehr ist ihnen nicht geblieben.

          Gerade einmal vier Jahre ist es her, dass der Vater dieses Haus baute. Es hat vier Zimmer und eine kleine Nische für die Ziege. Strom gibt es nicht, Wasser schöpfen sie aus einem Brunnen. Als die Mutter im September 2014 der Krankheit erlag, glaubte Joshua, wie viele in Westafrika, dass es sich nicht um das hochinfektiöse Virus, sondern um eine politische Verschwörung des Westens handle, ein groß angelegtes Experiment mit Medikamenten oder Ähnliches. 21 Tage später erfuhr er durch einen Anruf vom Tod seines Vaters. Damit änderte Joshua seine Meinung und befolgte die Maßnahmen der Regierung. „Wir haben alle Gegenstände unserer Eltern verbrannt, das gesamte Haus mit Chlor gereinigt.“

          Keine Arbeit, keine Hilfe

          Joshua und seine Geschwister hatten Angst, sich mit Ebola zu infizieren und daran sterben zu müssen. Sie trauten einander nicht mehr, vermieden Körperkontakt. Jetzt haben sie Angst vor dem nächsten Tag. „Derzeit gibt es keine Arbeit, und niemand hilft uns. Es ist wirklich schwierig, zu überleben“, meint Joshua. Seine Verwandten möchte er nicht mehr anbetteln. Sie seien selbst arm und könnten nur selten helfen. Und von der sierra-leonischen Regierung fühlen sie sich im Stich gelassen. „Wir sind wütend auf die Regierung, weil sie sich nicht um uns kümmert. Das Einzige, was sie wissen wollten, war die Frage, ob es Überlebende unter uns gebe.“ Nur von der Kirche bekomme die christliche Familie ab und zu etwas Reis geschenkt.

          Dabei scheint ganz Sierra Leone aus einem Albtraum aufgewacht zu sein. Vor einem Monat erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Land nach 42 Tagen ohne Neuinfektionen für Ebola-frei. Die Nation feierte den Sieg über die verheerende Epidemie. Menschen in dem westafrikanischen Land grüßen sich nun abermals mit Handschlag und Umarmung, dürfen offiziell wieder Fußball spielen und kaufen auf den dichtgedrängten Märkten ein. Wer heutzutage Ebola öffentlich leugnet, muss sogar mit bis zu drei Monaten Gefängnis rechnen. Nach 3955 Menschenleben, die die Krankheit der WHO zufolge allein in Sierra Leone gekostet hat, ist die Zeit für gute Nachrichten zurückgekehrt. Ein Video geht um die Welt, in denen Menschen in Schutzkleidung tanzen und sich von der Krankheit verabschieden: „Bye-bye, Ebola“.

          In einer Reihe mit Tuberkulose und HIV

          Joshua hat nicht gefeiert. Er trauert weiterhin um seine Eltern. In der Nachbarschaft herrschen Aberglaube und Angst – Angst vor Joshua und dessen Eltern. Nun vermeidet manch einer den Kontakt mit ihm – weil sie fürchten, sich mit Ebola anzustecken. In der Schule weiß von seinen Eltern niemand etwas. Dort hütet er den Verlust wie ein Staatsgeheimnis, und wenn es Fragen gibt, antwortet er kurz, dass sie zu Hause seien.

          Was Tuberkulose an gesellschaftlicher Ausgrenzung im 19. Jahrhundert bedeutete und HIV im 20. Jahrhundert, das ist heute mit Ebola in Westafrika vergleichbar. Zwar hängen Plakate im ganzen Land, die für Toleranz und gegen die Stigmatisierung von Angehörigen und Überlebenden werben. Doch die Akzeptanz unter den Sierra-Leonern ist nicht überall anzutreffen.

          Was Tuberkulose an gesellschaftlicher Ausgrenzung im 19. Jahrhundert bedeutete und HIV im 20. Jahrhundert, das ist heute mit Ebola in Westafrika vergleichbar.

          Das weiß auch Salomon Alpha. Er hat Ebola überlebt. Der gelernte Krankenpfleger, der sich bei einem Patienten infizierte, muss sich anhören, dass er einen Pakt mit dem Teufel geschlossen habe. Denn eigentlich müsste er ja tot sein, sagen die Leute. Seine Frau ließ sich einen Tag nach seiner Entlassung aus der Isolierstation von ihm scheiden und schirmt seitdem die beiden Kinder vom Vater ab. Alpha ist einer von rund 5000, die überlebt haben.

          Wie er leiden die meisten Überlebenden unter den Folgen der Krankheit, dem sogenannten Post-Ebola-Syndrom: Augen- und Gliederschmerzen. Andere berichten von Haarausfall oder psychischen Störungen wie Depressionen und Angstattacken. Und Frauen vom Ausbleiben der Menstruation. Zwar gibt es weltweit Forschungen über das Erbgut des Virus, auch findet ein wirksamer Impfstoff seit kurzem Anwendung. Doch für Mediziner und Betroffene bleiben bis heute viele Fragen ungeklärt: „Was ist in Ebola alles drin, und lässt es uns im Laufe unseres restlichen Lebens in Ruhe? Wir wissen es nicht“, meint Alpha.

          „Ein Trauma für die sierra-leonische Gesellschaft“

          Der große Mann mit den strengen Augen hätte Grund zum Schreien, doch er spricht besonnen über seine Idee, ein Netzwerk zu gründen. Es soll Ebola-Überlebenden einen Anlaufpunkt bieten. „Im Moment gibt es kein richtig funktionierendes Netzwerk für unsere Interessen, aber ich arbeite daran. Mein Ziel ist es, mehr Unterstützung für die Überlebenden zu bekommen.“

          Überlebende zu finden ist nicht einfach – auch weil viele ein zweites Outing fürchten. Wegen Absonderung von der Gesellschaft führen die meisten von ihnen ein rastloses Leben, müssen häufig ihren Wohnsitz wechseln oder verlieren ihre Arbeit, sobald ihre Ebola-Vergangenheit bekannt wird. Auch Alpha wurde zum Verhängnis, seine Erfahrungen mit der Krankheit geteilt zu haben. Nachbarn und Bekannte sprechen nun nicht mehr mit ihm, wollen, dass er wegzieht. „Manchmal ist mir nach Weinen. Ich möchte an einen anderen Ort, aber dann frage ich mich: Wohin kann ich überhaupt noch gehen?“

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          Kinder träfe die soziale Ausgrenzung noch härter, meint er. „Wenn Kinder miteinander spielen, stoßen sie andere aus oder sagen: ,Schau mal, der da ist ein Überlebender. Wenn du mit ihm spielst, bekommst du Ebola.‘ Ja, den Kindern gilt meine größte Sorge.“

          „Das ist ein Trauma für die sierra-leonische Gesellschaft“, sagt der Ministerpräsident des nördlichen Distrikts Bombali, John Shanghai Koroma. „Aber die Regierung versucht ihr Bestes. So vergeben wir Stipendien und kostenlosen Zugang zu Bildung, im ganzen Land.“ Veränderungen brauchen Zeit, so der Politiker, mindestens eine Generation. Auch das Problem der Ausgrenzung sei ihm bekannt, ändern könne er es aber nicht. „Es ist schon viel getan, und noch mehr wird zu tun sein.“

          „Wir leben in einem globalen Dorf“

          Mit der „ausländischen Intervention“ während der Ebola-Krise ist der Ministerpräsident hingegen zufrieden, und er betont auch die Leistung der deutschen Bundesregierung. Er will aber nicht vergessen: Es gab Fälle in den Vereinigten Staaten, in Großbritannien oder Spanien. „Das zeigt, Ebola kann sich von einem Ort zu einem anderen bewegen. Heute ist es in Afrika, aber wer weiß, wo es morgen anklopfen wird. Ebola hat das Potential, sich auf der ganzen Welt auszubreiten. Wir leben in einem globalen Dorf.“

          Das hochinfektiöse Virus ist nicht erst seit der schlimmen Epidemie in Westafrika bekannt. 1976 entdeckte ein belgisches Forscherteam das für die Wissenschaft neue Virus in einem kleinen Urwalddorf in Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo. Die Forscher benannten den Krankheitserreger nach dem nächstgelegenen Fluss – Ebola. In den Folgejahren gab es weitere lokal begrenzte Ausbrüche der Krankheit in Zentralafrika, bei denen jeweils wenige hundert Menschen starben. Flughunde und Affen, die das Virus als Wirtstiere in sich tragen, schleppten Ebola über die Landesgrenzen hinweg bis nach Westafrika. Mit dem Verzehr von Buschfleisch kam das Virus zum Menschen, über Körperflüssigkeiten verbreitete es sich in der Gesellschaft.

          Patient null wurde ziemlich genau vor zwei Jahren im Dezember 2013 im Süden von Guinea beerdigt. Der zwei Jahre alte Junge verstarb an Ebola und steckte gleich seine nächsten Angehörigen an. Die Ärzte waren mit dem Erreger zu diesem Zeitpunkt noch nicht vertraut, dachten, dass das Kind an Cholera erkrankt sei. Durch die Totenwaschung und den Kontakt mit dem Leichnam bei der Beerdigung erwuchs aus Patient null eine gefährliche Seuche für die gesamte Region: Die Verwandten exportierten das Virus in ihre Dörfer, steckten weitere an – es begann ein Wettlauf gegen die Zeit. Westafrika ist dichter besiedelt als Zentralafrika, und die Menschen sind mobiler als in anderen Regionen des Kontinents. Das machte es schwierig, Ebola einzudämmen.

          Vertrauen in Ärzte und Krankenhäuser weiter gesunken

          Doch die Krise, die vornehmlich in Liberia, Guinea und Sierra Leone wütete, hat noch etwas anderes gezeigt: Viele Menschen starben in den Hoch-Zeiten der Ebola-Epidemie an therapierbaren Krankheiten wie Malaria, Typhus und Tuberkulose, weil sich viele nicht mehr in Krankenhäuser trauten. Andere, die sich wirklich mit Ebola infiziert hatten, suchten Apotheken oder Ärzte auf, die sie heimlich behandeln sollten. Die Dunkelziffer an Ebola-Toten dürfte daher höher ausfallen als die offiziellen Zahlen, Gleiches gilt für andere Krankheiten. Das Vertrauen der Menschen in die Institutionen des Gesundheitssystems ist mit der Epidemie weiter gesunken.

          Von diesen Bergen trägt Joshua die Steine ins Tal hinunter: Blick auf Makeni.

          Trotzdem wurden im vergangenen Jahr Fortschritte gemacht, meint der Mediziner Salieu Turay. „Die Hygiene ist in Sierra Leone viel besser geworden. Wir waschen uns die Hände, die Berührung von Mensch zu Mensch ist nun sorgfältiger. Die Leute haben viel gelernt.“ Der sierra-leonische Chefarzt des Magbenteh Community Hospitals in Makeni kritisiert die Versäumnisse im Umgang mit Ebola. „Wir haben zu spät reagiert. Und diese späte Reaktion kam von dem Einfluss von außen, von der UNO.“ Aber er sieht auch Verbesserungen bei anderen Krankheiten. Ihm zufolge soll die Zahl der Patienten mit Typhus und Cholera gesunken sein.

          Ebola noch nicht vollständig besiegt

          Die WHO hat bereits öffentlich zugegeben, dass sie zu langsam auf die Krise reagiert hat. Dabei ist Ebola zwar ein Symptom für die Schwäche des Gesundheitssystems, nicht aber deren Ursache. Aus den Lehren dürfen jetzt keine falschen Schlüsse gezogen werden. Chefarzt Turay warnt vor zu früher Freude. „Ebola ist noch nicht komplett weg, für mich sind wir immer noch gefährdet, und wir haben immer noch Träger des Virus. Besonders die Männer, die potentielle Überträger sind.“ Zuletzt wurde bekannt, dass das Ebola-Virus bis zu neun Monate lang in Spermien nachweisbar ist. Turay geht sogar davon aus, dass es „langfristig getragen werden kann“.

          Der 17 Jahre alte Schüler Joshua glaubt und hofft, dass Ebola für immer verschwunden ist. Entschlossen sagt er: „Ebola wird nicht zurückkommen.“ Doch seine Einschätzung wird von der Realität eingeholt: In den zwei Nachbarländern Guinea und Liberia, so zeigt der „Ebola Situation Report“ der WHO, gab es im November vier neue Ebola-Fälle.

          Trotz der persönlichen Situation und der im Land lachen Joshua und seine Geschwister immer wieder miteinander, ähnlich den Menschen auf den Straßen. „Niemand will zugeben, dass es einem schlechtgeht oder dass man nichts zu essen hat. Deswegen tun wir so, als ginge es uns gut“, sagt Joshua. Tränen, so fährt er fort, kämen ihm nur, wenn er allein sei.

          Für seinen zwei Jahre alten Bruder, den die Schwester auf dem Schoß wie ihr eigenes Kind umsorgt, will er wie ein Vater sein. Was ist, wenn der Kleine in fünf Jahren fragen wird: Was war Papa für ein Mensch? Dann will Joshua seinem kleinen Bruder von ihm erzählen. „Unser Vater war lustig, ich erinnere mich, wie wir hier draußen saßen, er machte seine Witze, wir lachten alle zusammen. Er hat uns sehr geliebt, er war ein starker Kerl. Wenn du deinen Vater sehen würdest, dann würdest du mich in ihm erkennen – dasselbe Gesicht, dasselbe Aussehen.“ Joshua will seinem kleinen Bruder das Gefühl geben, dass alles gut wird.

          Der Traum von einem Medizin-Studium

          Doch Sierra Leone geht es nicht gut. Das Land gilt als eines der am wenigsten entwickelten Länder weltweit. Platz fünf von unten auf einer Liste mit 187 erfassten Staaten. Über 60 Prozent der Bevölkerung lebt von kaum mehr als einem Dollar am Tag. Das bis zum Jahr 2002 durch Bürgerkrieg gebeutelte Land holte wirtschaftlich auf, 2013 mit einem Wachstum von über 20 Prozent. Doch mit Ebola wurde es zurückgeworfen – für 2015 erwarten die Ökonomen ein negatives Wachstum. Die ausländischen Investoren sind nicht zurückgekehrt.

          Ebenso, wie das Land um Besserung kämpft, versuchen es die 16 Geschwister. Joshua geht jeden Tag nach der Schule in die Berge und schleppt aus ihnen kiloschwere Steinbrocken herbei, die er neben dem Haus auf einen Haufen wirft. Einmal die Woche kommt ein Lkw vorbei und holt das Baumaterial ab. Dafür bekommen sie umgerechnet sechs Euro, die für eine Woche reichen müssen.

          Joshuas Traum ist es, irgendwann Medizin zu studieren und Arzt zu werden. Sein Land braucht Ärzte. Doch sein Traum wird wohl niemals Wirklichkeit werden. Die Universität von Makeni würde ihn viele, viele Steinhaufen kosten, rund 800 Euro jedes Jahr – für ihn eine unbezahlbare Summe.

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