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Dreckiges Wasser in Moçambique : Ein ideales Umfeld für Bakterien

Eine Frau mit einem Baby auf dem Rücken (r) versucht, den Kontakt mit verschmutztem Wasser zu vermeiden. Bild: dpa

Die hygienische Lage ist in Moçambique vier Wochen nach Zyklon „Idai“ prekär. Die Zahl der Cholera-Fälle steigt weiterhin an – mehr als 5000 Menschen haben sich bereits mit der Krankheit infiziert.

          Vier Wochen nachdem der Zyklon Idai die Küste Moçambiques erreicht hat, ist die Zahl der Menschen, die sich in dem südostafrikanischen Land mit Cholera infiziert haben, auf rund 5000 gestiegen. Sechs Menschen sind der Seuche bereits zum Opfer gefallen. Die ersten Fälle waren vor rund zwei Wochen in der Hafenstadt Beira gemeldet worden. Seitdem breitet sich der Gallenbrechdurchfall in der Region rasant aus. „Ärzte ohne Grenzen“, die in der betroffenen Region fünf Cholera-Behandlungszentren eingerichtet haben, geben an, ihre Mitarbeiter hätten allein in Beira „deutlich mehr als 1000 Patienten behandelt, die vermutlich an Cholera erkrankt sind“. Sorgen macht der Organisation, „dass Menschen weiterhin stehendes Wasser vom Straßenrand trinken oder es sogar stillgelegten Gemeinschaftslatrinen entnehmen“. Um die Infektionskrankheit einzudämmen, die durch den Erreger Vibrio cholerae ausgelöst wird, wurden mittlerweile 745.000 Menschen geimpft. Die Einheiten hatten Beira am 2. April erreicht, bereits 24 Stunden später war mit den Impfungen begonnen worden. Nach Aussagen eines Sprechers der Weltgesundheitsorganisation in Genf beträgt der Schutz vor Ansteckung dadurch rund 85 Prozent. 150.000 weitere Impfungen sollen folgen.

          Thilo Thielke

          Freier Berichterstatter für Afrika mit Sitz in Kapstadt.

          „Trotz aller Anstrengungen ist die hygienische Situation in der Stadt immer noch katastrophal“, sagte der Bürgermeister von Beira, Daviz Simango, dieser Zeitung. „Wasser, Müll, Fäkalien haben sich vermischt – das ist eine gefährliche Mischung.“ Die ersten Cholerafälle seien durch Menschen aus dem Umland, die ihre Häuser verloren haben, in die Stadt getragen worden. Dort fänden die Bakterien derzeit ein „ideales Umfeld“. Angesichts der Krise hat Simango sein Rathaus-Zimmer gegen ein Büro eingetauscht, das sich in einer Lagerhalle neben einem Armenviertel befindet. Die Cholerastation ist nur ein paar hundert Meter entfernt. Neben der Ausbreitung von Krankheiten beunruhigt Simango auch die Sicherheitslage in der Stadt. Viele Menschen hätten ihre gesamte Lebensgrundlage verloren. „Gewaltkriminalität, Plünderungen und Prostitution sind auf dem Vormarsch.“

          1,8 Millionen Menschen wurde die Existenzgrundlage genommen

          Seit Jahren werde Beira von der Regierung im rund tausend Kilometer entfernten Maputo vernachlässigt, so Simango. In der Hauptstadt regiert die ehemals marxistische Partei Frelimo, während Beira immer schon ein Zentrum des Widerstands gegen die Kommunisten war. Auch Simango gehört zur Opposition, früher war er Mitglied der ehemaligen Rebellenbewegung Renamo, heute führt er die zweitgrößte Stadt Moçambiques parteilos. Am 15. Oktober sollen im Land Parlaments- und Präsidentschaftswahlen stattfinden. Simango befürchtet nun, die Regierung könne Hilfsgelder, die eigentlich für die betroffene Region gedacht seien, für ihren Wahlkampf abzweigen.

          Die Weltbank beziffert den Schaden, der durch den tropischen Wirbelsturm in einer der ärmsten Regionen der Erde angerichtet wurde, derweil auf 1,77 Milliarden Euro. Bislang, so das UN-Nothilfe-Büro (Ocha), haben allein in Moçambique mehr als 756.200 Menschen Lebensmittelhilfe erhalten. Die deutsche Welthungerhilfe schätzt, dass ungefähr 1,8 Millionen Menschen die Existenzgrundlage genommen wurde und mehr als 700.000 Hektar Ernte durch die Überschwemmungen vernichtet wurden.

          Zyklon Idai, der mit Spitzengeschwindigkeiten von rund 200 Stundenkilometern gewütet hatte, traf die Ärmsten der Armen: Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen liegt in Moçambique bei 420 Dollar. Nach Angaben der Weltbank schließen weniger als die Hälfte aller Kinder die Grundschule ab. Auch die Kindersterblichkeit ist hoch: 72 von 1000 Neugeborenen sterben vor ihrem fünften Geburtstag.

          Auch die Zahl der Malariafälle hat zugenommen

          Rund 900 Tote wurden nach dem Sturm in den drei betroffenen Ländern Moçambique, Malawi und Zimbabwe bislang gezählt, davon 602 allein in Moçambique. Die eigentlich Zahl der Todesopfer dürfte aber weitaus höher liegen. Hunderte von Leichen wurden vermutlich in die offene See gespült. Allein im am schwersten betroffenen Moçambique wurden 240.000 Häuser zerstört oder schwer beschädigt. Rund 150.000 Menschen ohne Bleibe leben derzeit in Auffanglagern. Auch die Zahl der Malariafälle hat drastisch zugenommen, da die überfluteten Gebiete den Anophelesmücken, die für das Sumpffieber verantwortlich sind, ein ideales Brutgebiet bieten.

          Das deutsche Entwicklungshilfeministerium gab am Freitag am Rande einer Weltbanktagung in Washington bekannt, es werde den Wiederaufbau in den betroffenen Ländern mit 50 Millionen Euro unterstützen. Nach Angaben von Minister Gerd Müller wolle Deutschland damit unter anderem „Kindern den Schulbesuch wieder ermöglichen sowie bestehende Dämme verstärken, um vor neuen Katastrophen zu schützen“.

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